Archiv für den Monat September 2016

Charlotte Link: Die Entscheidung

Die Entscheidung von Charlotte Link

Die Entscheidung von Charlotte Link

Charlotte Link: Die Entscheidung

Blanvalet Verlag

22,99 €

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-7645-0441-0

Erschienen: 05.09.2016

Eine falsche Entscheidung und das Schicksal nimmt seinen Lauf….

 Eine Geschichte auf mehreren Ebenen

Simon, 40, geschieden ist ein sogenannter „Gutmensch“ Die Exfrau ist längst anderweitig verbandelt und doch wenn diese kurzfristig die gemeinsamen Kinder loswerden will, Simon ist immer da, stets hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe und bloß keine Konflikte eingehen. Seine neue Freundin, Kristina, eine selbstbewusste und erfolgreiche Frau nervt das gewaltig, Kristina möchte nämlich, dass Simon sich endlich zu ihr bekennt, daraus wird allerdings erstmal nichts, denn dieser fürchtet, die Kinder zu verunsichern. Seine Ex-Frau hat diesmal zu Weihnachten aber andere Pläne und so fällt der Weihnachts-Urlaub, im Ferienhaus von Simons gestrengem Vater in der Provence, mit den Kindern ins Wasser, denn die haben urplötzlich keine Lust dazu. Auch Kristina, die Neue, hat so langsam die Nase voll und möchte nicht nur Lückenbüßerin sein.

Schließlich muss Simon allein fahren und bei einem einsamen Strandspaziergang wird er, Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen einer jungen, völlig abgemagerten und abgerissenen Frau und den Hausmeistern einer Ferien-Appartement-Anlage, die diese nach einem Einbruch auf frischer Tat ertappt haben. Simon tut Nathalie einfach leid, es regnet in Strömen und das Mädel sieht aus, als wenn es schon lange nichts richtiges mehr zu essen bekommen hat, deshalb entschließt Simon sich kurzerhand und sehr spontan, Nathalie auszulösen und diese für eine Nacht auch bei sich übernachten zu lassen.

In Sofia fällt zu gleichen Zeit Selina auf die Versprechungen eines jungen Mannes herein, der ihr schmeichelt und in Aussicht stellt, dass sie mit ihrem Aussehen, sehr schnell viel Geld als Fotomodell in Rom verdienen kann……

Es muss nicht immer England sein…..

Bislang habe ich fast jeden Krimi von Charlotte Link gelesen, England als Handlungsort ihrer Romane fand ich eigentlich immer sehr passend für die Story gewählt. „Die Entscheidung“ ist allerdings der dritte Roman von ihr, der nicht in England, sondern in Frankreich spielt. Die Provence als Schauplatz hat aber gar nichts mit dem Ort zu tun, der uns in Urlaubsprospekten mit strahlend blauem Himmel, ebenso blauem Meer und noch blaueren Lavendelfeldern als Sehnsuchtsort verkauft wird. Kurz vor Weihnachten präsentiert sich das Urlaubsparadies verregnet, trostlos, neblig, ohne Licht und ohne Farben, ganz schön düster und manchmal sehr bedrückend.

Außerdem gibt es einen sehr aktuellen Zeitbezug, der Roman spielt kurze Zeit, nach den Anschlägen, die im vergangenen November Paris und ganz Frankreich erschüttert haben. Die Autorin beweist hier sehr viel Fingerspitzengefühl, weil es ihr gelingt, diese verstörende Stimmung, die das ganze Land lähmte, geschickt und authentisch in ihre Handlung einfließen zu lassen. Auch das trostlose Leben ohne echte Chancen und Perspektiven in der bulgarischen Hauptstadt, kann sie einfühlsam und ohne Klischees transportieren.

Normalität und Verbrechen, sind nicht weit entfernt, wenn man einmal falschen abgebogen ist….

Alle Protagonisten sind keine Gewinnertypen, da ist Simon der schlecht nein sagen kann, sich immer wieder fragt, was die Ex-Frau, die Kinder oder der fordernde Vater von ihm denken, wenn er das eine tut oder das andere unterlässt und dabei eigentlich immer selbst auf der Strecke bleibt. Außerdem Nathalie, eine junge Frau aus einer zerrütteten Familie mit einer alkoholkranken Mutter, hält ihr Leben nur aus, weil sie sich aus diesem Chaos in die Magersucht flüchtet. Erst ihr Freund, Jerome, den sie über alles liebt und für den sie alles tun würde, schafft es, dass sie langsam wieder Hoffnung schöpft….

Spannend bis zum Schluss!

Die unterschiedlichen Perspektiven und Handlungsstränge sind am Anfang erstmal ein wenig ungewöhnlich machen das Buch aber so spannend, wie ich es eigentlich noch nie bei Charlotte Link erlebt habe. Alles verdichtet sich, die Dinge und Menschen, von denen man am Anfang geglaubt hat, das hat nichts miteinander zu tun, bekommen unter dem Druck der Ereignisse nicht nur Risse, sondern es wird klar, dass es alles andere als Zufall war, dass sie Täter oder Opfer oder ein Teil des Geschehens wurden. Es gibt immer wieder Indizien, dass hier etwas nicht stimmt, jeder angedeutete Hinweis löste in mir den Wunsch aus, der Sache schnell auf den Grund zu gehen und ich habe das Buch nahezu in einem Tag zu Ende gelesen.

Fazit: Für mich ein ungeheuer spannendes Buch und der beste Krimi, den ich von Charlotte Link bisher gelesen habe. Ihre Gangart ist ein wenig härter und kompromissloser geworden, sie ist in diesem Roman endlich beim Krimi angekommen, ohne dass sie ihre bisherigen Leserinnen verschreckt oder enttäuscht, den die Akteure sind Menschen wie Sie und ich und man kann sich wunderbar mit ihnen identifizieren. Man möchte unbedingt wissen, wie es weiter geht mit Simon, ob er es endlich schafft, mal nicht nett zu sein und stattdessen an sich zu denken oder ob Nathalie sich traut, genau hin zu sehen. Der Autorin, ist hier ein sehr spannender Krimi gelungen, den ich geradezu verschlungen habe. Der beste Roman, den ich von ihr bisher gelesen habe!

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Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst

Ich fuehle was was du nicht fuehlst von Amelie Fried

Ich fuehle was was du nicht fuehlst von Amelie Fried

Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst

Heyne Verlag

16,99 €

Paperback, Klappenbroschur

ISBN: 978-3-453-26590-5

Erschienen: 22.08.2016

Als wär es gestern gewesen – oder die Lebenslügen einer Generation!

Worum geht‘s

1975: Die 13-jährige India ist klüger als die meisten Leute in ihrer Umgebung, inklusive ihrer Hippie-Eltern und ihres seltsamen und ebenfalls sehr einsamen Bruders Che. Das macht sie unter Gleichaltrigen zur Außenseiterin, umso dankbarer ist sie deshalb für die Aufmerksamkeit ihres Klavierlehrers. Er fördert ihre außergewöhnliche musikalische Begabung – und er kennt ihr wichtigstes Geheimnis. In einem einzigen Moment zerstört er ihr Vertrauen. Und ahnt nicht, was er damit anrichtet. Als zwei ihrer Mitschülerinnen Anschuldigungen gegen den Lehrer erheben, steht India vor der Wahl, ihr Geheimnis öffentlich zu machen oder für immer zu schweigen.

Back to the seventies!

Ich bin Jahrgang 1962, die Siebziger, waren also meine Jugend. Deshalb war ich gespannt, ob mich das Buch wieder in diese Zeit zurück versetzten würde können und ein paar längst verschollene Erinnerungen bei mir auslöst.

Volltreffer! Amelie Fried gelingt es vortrefflich, dass Lebensgefühl dieser bewegten Zeit zu transportieren und bleibt dabei echt und authentisch. Man hat immer wieder das Gefühl, in der Heldin, India, ist auch ein Stück von der Autorin eingeflossen. Auch ich habe mich hier das eine oder andere Mal wieder erkannt, Bilder meines progressiven und sehr engagierten Klassenlehrers, der Nachbarn meiner Eltern, ihren Freunden aus dem Kegelklub, waren auf einmal wieder so präsent, als wenn es erst gestern gewesen wäre, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Dieser Generation, hat der Krieg und Flucht und Vertreibung, viel seelisches Leid zugefügt, was es aufzuarbeiten galt und es ihnen schwierig gemacht hat, auf ihre Kinder so eingehen zu können, wie diese es gebraucht oder sich gewünscht haben. Diese Kinder haben buchstäblich ihre Eltern nicht immer an ihrer Seite gehabt, weil diese auf völlig unterschiedliche Weise sehr stark mit sich selbst und der eigenen Aufarbeitung beschäftigt waren. Das hat Amelie Fried hier augenzwinkernd und ohne anzuklagen pointiert.

Unterhaltsam und witzig, ohne Klischees zu dreschen!

Die Erzählerin wählt klug die Perspektive der Hauptfigur und beobachtet sehr unterhaltsam und scharfzüngig ihre Hippie-Eltern: Da ist z. B. eine Mutter, die sich sehr emanzipiert gibt, zum Teil auch die Familie allein mit ihren Transzendenz-Seminaren ernährt, aber doch lange Zeit ihrem Mann alles Organisatorische abnimmt, als wäre sie seine Sekretärin. Die Nachbarin, die ihren behinderten Bruder nicht los lassen kann und sich an diesen klammert, als wenn ihr Leben aufhören würde, wenn er in ein betreutes Wohnheim zieht. Gerade das Nebeneinander dieser beider Frauen, mit diesen komplett unterschiedlichen Lebensentwürfen sind wirklich die Siebziger pur gewesen. Witzig, ironisch, klug und nachdenklich immer mit dem Blick für das Wesentliche beobachtet India ihre Umwelt, das ist sehr amüsant und kurzweilig, weil die Personen so lebendig und mit einer kleinen Prise Ironie skizziert werden. India lässt auch hier und da durchblicken, was sie sich selbst wünscht, nämlich Eltern, die nicht nur mit sich selbst beschäftigt sind, aber sicher auch keine Übermutter, wie die Nachbarin Margot, die auf eigene Selbstverwirklichung verzichtet und meint, die Aufgabe einer Mutter ist in erster Linie mit Kochen erledigt. Das ist klug inszeniert und großartige leichte Unterhaltung, ohne hier in Klischees abzudriften. Auch beim Ende der Geschichte bleibt die Autorin diesem Stil treu und bietet eine realistische Entwicklungsperspektive für India und ihren Bruder und gerade so viel Happy-End, dass es niemals kitschig oder vorhersehbar für den Leser wird.

Fazit: Für mich ein großartiges unterhaltsames Buch, mit Witz, Charme und realistischen Protagonisten, die sehr einfühlsam und liebevoll geschildert werden. Das ist große Unterhaltung, denn sowas setzt sehr viel Einfühlungsvermögen und Schreibtalent voraus. Ich habe mich wunderbar unterhalten und mich hier und da selber wiedererkannt. Die leisen und sehr ironischen Töne im Buch sind einfach köstlich! „Ich fühle was, was du nicht fühlst“ ist für mich eines der stärksten Bücher von Amelie Fried, wenn nicht sogar, das einfühlsamste und amüsanteste.