Archiv für den Monat August 2017

Donna Leon: Stille Wasser

Donna Leon: Stille Wasser

Diogenes Verlag

 

Preis: 24;– €

Brunetti auf Abwegen……

Gutmensch oder Simulant?

 Commissario Guido Brunetti vernimmt den Rechtsanwalt Ruggieri, der in Verdacht steht, einer hübschen jungen Frau während einer Party Ecstasy-Tabletten verabreicht zu haben. Unglücklicherweise verstarb diese noch der gleichen Nacht. Während der Vernehmung bemerkt Brunetti, dass sein junger Mitarbeiter Puccetti kurz davor ist, eine ungeheure Dummheit zu begehen und dem selbstherrlichen und äußerst arroganten Anwalt an die Gurgel zu gehen, für den dieses Opfer nur irgendeine junge Frau in einem grünen Kleid war, dass die Nähe der Schönen und Reichen gesucht hat, auf dieser Party seiner Meinung aber eigentlich nichts verloren hatte. Frauen dieser Kategorie sind in seinen Augen nur Dekoration und Gebrauchsgegenstand.

Brunetti, der selbst an dem Filz der Lagunenstadt verzweifelt, aber bislang vor solchen unbedachten Aktionen durch die Gespräche mit seiner klugen und kritischen Frau Paola davor bewahrt wurde, die Nerven zu verlieren, stellt sich schützend vor Puccetti und täuscht einen publikumswirksamen akuten Schwächeanfall vor, um dies zu vereiteln. Im Krankenhaus findet man nichts sonderlich Bedrohliches, verschreibt dem Simulanten aber wegen mancherlei Stress-Symptomen einige Wochen Erholung und strikten Abstand von der Questura.

Reif für die Insel!

 Brunetti ist erleichtert, dass es ihm mit seinem Täuschungsmanöver gelungen ist, die Karriere des jungen Mannes zu retten. Nicht auszudenken, was mit ihm passiert wäre, hätte der umsichtige und einfühlsame Commissario nicht eingegriffen. Aber auch dieser ist müde und ausgebrannt, weil auch er nur mit der nicht immer legalen aber sehr trickreichen Unterstützung von Signorina Elettras, bei seinen Ermittlungen der Gerechtigkeit am Ende seiner Fälle ein wenig Gehör verschafft. Diese verordnete Auszeit kommt also wie gerufen, um selbst ein wenig Abstand vom korrupten System seiner Heimatstadt zu gewinnen.

Mit ein paar Klassiker im Gepäck geht es für Brunetti wenige Tage später auf die kleine Insel Sant’Erasmo mitten in der Lagune, auf ein Anwesen, das einer Tante seiner Frau gehört, und von einem Hausverwalter namens Davide Casati und seiner Tochter verwaltet wird. Jetzt heißt es erstmal zwei Wochen ausspannen für den Gutmensch Brunetti. Sehr schnell stellt sich allerdings heraus, dass Casati gut bekannt mit Guido Brunetttis Vater war und zusammen mit diesem bei einer Regatta einen Sieg nach Hause rudern konnte. Brunetti genießt es ungemein, auf den Spuren seines Vaters zu wandeln und fährt nahezu täglich mit dem Mann zum Rudern in die faszinierende Wasserwelt der Lagune, um dessen Bienenstöcke zu kontrollieren.

Casati nennt die Bienen „seine Mädchen“, die sterben, weil er ihnen etwas angetan habe – und macht noch weitere schwer einzuordnende Andeutungen. Während Brunetti sie noch als Phantasien eines betagten Mannes einordnet, weil bis jetzt alles keinen Sinn macht und ihm der Freund des Vaters so ungeheuer sympathisch ist, ahnen die Stammleser schon in welche Richtung es möglicherweise weiter geht. Und tatsächlich: Nach einem heftigen Unwetter ist Casati samt seinem Boot verschwunden, Brunetti macht sich auf die Suche.

Fazit: Ein typischer Brunetti, denn die Autorin, ist nicht nur Wahl-Venezianerin, sondern auch eine leidenschaftliche Umwelt-Aktivistin, die ihre Romane auch nutzt, um auf die gravierenden Missstände im ökologischen System der Lagunenstadt hinzuweisen. Soweit also nichts Neues, dass kennen wir Stammleser und schätzen den kritischen und bildungsbeflissenen Kommissar schon lange. Da Brunetti diesmal aber ohne seine kluge Frau Paola und meistens auch ohne die umtriebige Elettra auskommen muss, schließlich ist er offiziell krankgeschrieben, nimmt die Geschichte nur sehr langsam Fahrt auf. Auch sein Vorgesetzter Patta fehlt mir als Kontrast zum moralisch integren Brunetti und die Schmunzler bleiben bei mir aus. Nicht schlimm, Autoren müssen ihre Protagonisten auch mal aus den alten Strukturen befreien und dem Leser neue Facetten ihrer Hauptdarsteller zumuten. Leider ist „Stille Wasser“ diesmal ein sehr halbherziger Versuch dies anzugehen, das Thema, um das es letztendlich geht, ist selbstverständlich nicht neu und natürlich sehr berechtigt, das Problem bei diesem Roman ist allerdings, dass die Figur des Davide und seiner Mittstreiter sehr blutleer ausgestaltet wurden, vieles bleibt wage. Auch das Problem, das letztendlich zum Mord führt, wird nicht knackig und zielgerichtet zu Ende geführt und die Unterhaltung, die Pattas Eskapaden sonst geboten haben, bleibt aus, da der Commissario diesmal allein unterwegs ist. Als eingefleischter Brunetti-Fan habe ich das Buch trotzdem gerne gelesen, ich denke aber, wer das nicht ist, der sollte besser mit einem anderen Roman beginnen, die Story hat leider nicht das Potenzial süchtig zu machen.

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Ingrid Noll: Halali

 

Ingrid Noll: Halali

Diogenes Verlag

Preis: 22,– €

Die Jagd hat begonnen!

 Back to the 50ties!

 Die 82 jährige verwitwete Holda lebt im selben Mietshaus, in dem auch ihre Enkelin, Laura, eine Wohnung hat. Beide mögen sich sehr und Laura schaut gerne mal bei der Großmutter vorbei, entweder um die gebügelte Wäsche abzuholen oder mit leckerem Sushi im Gepäck. Wie die Großmutter arbeitet auch die Enkelin im Büro, heute heißt das Assistentin, Holda und ihre Kollegin und Freundin Karin Bowler haben noch in den 50igern als Stenotypistin im Innenministerium in der jungen Hauptstadt Bonn angefangen. Der Chef der beiden ist ein Kriegsversehrter, der noch die Bude vollpaffen darf und seine Grazien auch gerne mal Mädels nennt. „Casual-Friday“ von dem die Enkelin erzählt, war noch nicht erfunden, damals wurde nämlich noch an 3 Samstagen im Monat gearbeitet und nach Büroschuss wurde sich zwar umgezogen, aber das hieß keinesfalls das man in Jogging-Hose auf der Couch lümmelte.

Lebenshunger versus Pflichtbewusstsein!

Holda und Karin haben Ziele, und wollen sich amüsieren und eine absolute Abneigung gegen pflichteifrige Kollegen, von denen der schlimmste ausgerechnet noch bei Karins adeliger Tante in Bad Godesberg ein Zimmer gefunden hat. Diese vermietet, wie viele damals viele, gerne nur an möblierte Herren, denen muss zwar regelmäßig das Frühstück serviert werden und putzten tun nur die selbst, die etwas zu verbergen haben, aber die Dramen bleiben aus, wer sich amüsieren will verschwindet entweder in die Kneipe oder amüsiert sich anderweitig außer Haus.

Eine junge Republik, viele Feinde und jede Menge Einsamkeit!

Doch nicht nur die jungen Frauen jagen in diesem Roman ihrem Lebensglück hinterher und das war für die meisten weiblichen Wesen in den 50iger Jahren eine gute Partie, sondern die Hauptstadt ist auch Anziehungspunkt für Polit-Spione, die es auf einsame Frauen in den Ministerien abgesehen haben, um ihnen Geheimnisse zu entlocken und dafür zu sorgen, dass die Gegner der jungen Republik nichts ins Hintertreffen gerieten.

Als ein Mann, den die beiden Freundinnen kurz zuvor noch mit dem Regierungsrat Burkhard Jäger zusammen gesehen haben, tot im Rhein treibt, halten sie den Beamten für einen Geheimagenten und gehen dem Verdacht nach …

Obacht, wer nicht erlegt werden möchte, am Ende entscheidet die Zielstrebigkeit!

Ingrid Noll lag es fern, einen Agentenroman zu schreiben, aber sie ist Meisterin darin, Menschen mit ihren Sehnsüchten und Wünschen zu skizzieren, ihre Heldinnen morden nur, wenn man ihnen bei der Verwirklichung ihrer Ziele in die Quere kommt, dann wird aber meistens nicht lange gefackelt! Frauen morden subtiler und Männer, die länger leben wollen, müssen bei Frau Noll schon ein bisschen auf der Hut sein, auch wenn es total harmlos anfängt, wie hier….

Mehr amüsante Zeitreise als Krimi!

Wie könnte es anders sein, kommen natürlich auch in diesem Roman Menschen gewaltsam ums Leben, geplant war das aber nicht, wie immer bei Ingrid Nolls Figuren, die jungen Damen sind halt zielstrebig, auch Holda lernt schnell von der Freundin. Wer den eigenen Zielen im Weg steht und droht diese zu vereiteln, muss weg, daran führt kein Weg vorbei! Diese jungen Frauen wollen sich aber eigentlich nur amüsieren und den Mann fürs Leben finden. Der Autorin gelingt es perfekt, die spießigen 50iger Jahre und die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen damals zu portraitieren. Gerade die Gespräche zwischen Holda und ihrer Enkelin Laura sind dazu angelegt, Vergleiche anzustellen zwischen damals und heute. Chefs waren noch Autoritäts-Personen und die Frauen sehnten sich nach der Nylon-Strumpfhose und der Anti-Babypille und gebadet wurde höchsten am Samstag. Die Geschichte von Holda und Karin ist abenteuerlich, nimmt die eine oder andere unerwartete Wendung und ist eine köstliche und amüsante Zeitreise in die 50iger Jahre, die dem geneigten Leser nichts abverlangt, sondern nur unterhalten möchte, diese Autorin überlässt es uns unseren eigenen Schlüsse zu ziehen.