Archiv für den Monat August 2017

Ingrid Noll: Halali

 

Ingrid Noll: Halali

Diogenes Verlag

Preis: 22,– €

Die Jagd hat begonnen!

 Back to the 50ties!

 Die 82 jährige verwitwete Holda lebt im selben Mietshaus, in dem auch ihre Enkelin, Laura, eine Wohnung hat. Beide mögen sich sehr und Laura schaut gerne mal bei der Großmutter vorbei, entweder um die gebügelte Wäsche abzuholen oder mit leckerem Sushi im Gepäck. Wie die Großmutter arbeitet auch die Enkelin im Büro, heute heißt das Assistentin, Holda und ihre Kollegin und Freundin Karin Bowler haben noch in den 50igern als Stenotypistin im Innenministerium in der jungen Hauptstadt Bonn angefangen. Der Chef der beiden ist ein Kriegsversehrter, der noch die Bude vollpaffen darf und seine Grazien auch gerne mal Mädels nennt. „Casual-Friday“ von dem die Enkelin erzählt, war noch nicht erfunden, damals wurde nämlich noch an 3 Samstagen im Monat gearbeitet und nach Büroschuss wurde sich zwar umgezogen, aber das hieß keinesfalls das man in Jogging-Hose auf der Couch lümmelte.

Lebenshunger versus Pflichtbewusstsein!

Holda und Karin haben Ziele, und wollen sich amüsieren und eine absolute Abneigung gegen pflichteifrige Kollegen, von denen der schlimmste ausgerechnet noch bei Karins adeliger Tante in Bad Godesberg ein Zimmer gefunden hat. Diese vermietet, wie viele damals viele, gerne nur an möblierte Herren, denen muss zwar regelmäßig das Frühstück serviert werden und putzten tun nur die selbst, die etwas zu verbergen haben, aber die Dramen bleiben aus, wer sich amüsieren will verschwindet entweder in die Kneipe oder amüsiert sich anderweitig außer Haus.

Eine junge Republik, viele Feinde und jede Menge Einsamkeit!

Doch nicht nur die jungen Frauen jagen in diesem Roman ihrem Lebensglück hinterher und das war für die meisten weiblichen Wesen in den 50iger Jahren eine gute Partie, sondern die Hauptstadt ist auch Anziehungspunkt für Polit-Spione, die es auf einsame Frauen in den Ministerien abgesehen haben, um ihnen Geheimnisse zu entlocken und dafür zu sorgen, dass die Gegner der jungen Republik nichts ins Hintertreffen gerieten.

Als ein Mann, den die beiden Freundinnen kurz zuvor noch mit dem Regierungsrat Burkhard Jäger zusammen gesehen haben, tot im Rhein treibt, halten sie den Beamten für einen Geheimagenten und gehen dem Verdacht nach …

Obacht, wer nicht erlegt werden möchte, am Ende entscheidet die Zielstrebigkeit!

Ingrid Noll lag es fern, einen Agentenroman zu schreiben, aber sie ist Meisterin darin, Menschen mit ihren Sehnsüchten und Wünschen zu skizzieren, ihre Heldinnen morden nur, wenn man ihnen bei der Verwirklichung ihrer Ziele in die Quere kommt, dann wird aber meistens nicht lange gefackelt! Frauen morden subtiler und Männer, die länger leben wollen, müssen bei Frau Noll schon ein bisschen auf der Hut sein, auch wenn es total harmlos anfängt, wie hier….

Mehr amüsante Zeitreise als Krimi!

Wie könnte es anders sein, kommen natürlich auch in diesem Roman Menschen gewaltsam ums Leben, geplant war das aber nicht, wie immer bei Ingrid Nolls Figuren, die jungen Damen sind halt zielstrebig, auch Holda lernt schnell von der Freundin. Wer den eigenen Zielen im Weg steht und droht diese zu vereiteln, muss weg, daran führt kein Weg vorbei! Diese jungen Frauen wollen sich aber eigentlich nur amüsieren und den Mann fürs Leben finden. Der Autorin gelingt es perfekt, die spießigen 50iger Jahre und die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen damals zu portraitieren. Gerade die Gespräche zwischen Holda und ihrer Enkelin Laura sind dazu angelegt, Vergleiche anzustellen zwischen damals und heute. Chefs waren noch Autoritäts-Personen und die Frauen sehnten sich nach der Nylon-Strumpfhose und der Anti-Babypille und gebadet wurde höchsten am Samstag. Die Geschichte von Holda und Karin ist abenteuerlich, nimmt die eine oder andere unerwartete Wendung und ist eine köstliche und amüsante Zeitreise in die 50iger Jahre, die dem geneigten Leser nichts abverlangt, sondern nur unterhalten möchte, diese Autorin überlässt es uns unseren eigenen Schlüsse zu ziehen.