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Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst

Ich fuehle was was du nicht fuehlst von Amelie Fried

Ich fuehle was was du nicht fuehlst von Amelie Fried

Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst

Heyne Verlag

16,99 €

Paperback, Klappenbroschur

ISBN: 978-3-453-26590-5

Erschienen: 22.08.2016

Als wär es gestern gewesen – oder die Lebenslügen einer Generation!

Worum geht‘s

1975: Die 13-jährige India ist klüger als die meisten Leute in ihrer Umgebung, inklusive ihrer Hippie-Eltern und ihres seltsamen und ebenfalls sehr einsamen Bruders Che. Das macht sie unter Gleichaltrigen zur Außenseiterin, umso dankbarer ist sie deshalb für die Aufmerksamkeit ihres Klavierlehrers. Er fördert ihre außergewöhnliche musikalische Begabung – und er kennt ihr wichtigstes Geheimnis. In einem einzigen Moment zerstört er ihr Vertrauen. Und ahnt nicht, was er damit anrichtet. Als zwei ihrer Mitschülerinnen Anschuldigungen gegen den Lehrer erheben, steht India vor der Wahl, ihr Geheimnis öffentlich zu machen oder für immer zu schweigen.

Back to the seventies!

Ich bin Jahrgang 1962, die Siebziger, waren also meine Jugend. Deshalb war ich gespannt, ob mich das Buch wieder in diese Zeit zurück versetzten würde können und ein paar längst verschollene Erinnerungen bei mir auslöst.

Volltreffer! Amelie Fried gelingt es vortrefflich, dass Lebensgefühl dieser bewegten Zeit zu transportieren und bleibt dabei echt und authentisch. Man hat immer wieder das Gefühl, in der Heldin, India, ist auch ein Stück von der Autorin eingeflossen. Auch ich habe mich hier das eine oder andere Mal wieder erkannt, Bilder meines progressiven und sehr engagierten Klassenlehrers, der Nachbarn meiner Eltern, ihren Freunden aus dem Kegelklub, waren auf einmal wieder so präsent, als wenn es erst gestern gewesen wäre, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Dieser Generation, hat der Krieg und Flucht und Vertreibung, viel seelisches Leid zugefügt, was es aufzuarbeiten galt und es ihnen schwierig gemacht hat, auf ihre Kinder so eingehen zu können, wie diese es gebraucht oder sich gewünscht haben. Diese Kinder haben buchstäblich ihre Eltern nicht immer an ihrer Seite gehabt, weil diese auf völlig unterschiedliche Weise sehr stark mit sich selbst und der eigenen Aufarbeitung beschäftigt waren. Das hat Amelie Fried hier augenzwinkernd und ohne anzuklagen pointiert.

Unterhaltsam und witzig, ohne Klischees zu dreschen!

Die Erzählerin wählt klug die Perspektive der Hauptfigur und beobachtet sehr unterhaltsam und scharfzüngig ihre Hippie-Eltern: Da ist z. B. eine Mutter, die sich sehr emanzipiert gibt, zum Teil auch die Familie allein mit ihren Transzendenz-Seminaren ernährt, aber doch lange Zeit ihrem Mann alles Organisatorische abnimmt, als wäre sie seine Sekretärin. Die Nachbarin, die ihren behinderten Bruder nicht los lassen kann und sich an diesen klammert, als wenn ihr Leben aufhören würde, wenn er in ein betreutes Wohnheim zieht. Gerade das Nebeneinander dieser beider Frauen, mit diesen komplett unterschiedlichen Lebensentwürfen sind wirklich die Siebziger pur gewesen. Witzig, ironisch, klug und nachdenklich immer mit dem Blick für das Wesentliche beobachtet India ihre Umwelt, das ist sehr amüsant und kurzweilig, weil die Personen so lebendig und mit einer kleinen Prise Ironie skizziert werden. India lässt auch hier und da durchblicken, was sie sich selbst wünscht, nämlich Eltern, die nicht nur mit sich selbst beschäftigt sind, aber sicher auch keine Übermutter, wie die Nachbarin Margot, die auf eigene Selbstverwirklichung verzichtet und meint, die Aufgabe einer Mutter ist in erster Linie mit Kochen erledigt. Das ist klug inszeniert und großartige leichte Unterhaltung, ohne hier in Klischees abzudriften. Auch beim Ende der Geschichte bleibt die Autorin diesem Stil treu und bietet eine realistische Entwicklungsperspektive für India und ihren Bruder und gerade so viel Happy-End, dass es niemals kitschig oder vorhersehbar für den Leser wird.

Fazit: Für mich ein großartiges unterhaltsames Buch, mit Witz, Charme und realistischen Protagonisten, die sehr einfühlsam und liebevoll geschildert werden. Das ist große Unterhaltung, denn sowas setzt sehr viel Einfühlungsvermögen und Schreibtalent voraus. Ich habe mich wunderbar unterhalten und mich hier und da selber wiedererkannt. Die leisen und sehr ironischen Töne im Buch sind einfach köstlich! „Ich fühle was, was du nicht fühlst“ ist für mich eines der stärksten Bücher von Amelie Fried, wenn nicht sogar, das einfühlsamste und amüsanteste.

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Ab heute heiße ich Margo

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Cora Stephan: Ab heute heiße ich Margo

Verlag Kiepenheuer & Witsch

Preis: 21,99 €

 „Zwei starke Frauen gehen ihren eigenen Weg!

 Worum geht’s?

Das Frauenbild in der Zeit des Nationalsozialismus war von einer völkisch-nationalen Ideologie geprägt und betonte die Rolle der Frau in der Gesellschaft als Mutter. Beeinflusst wurde dieses Idealbild auch durch andere Grundzüge nationalsozialistischer Ideologien wie die Lebensraumpolitik. Genau das wollen die Protagonistinnen Margo Hegewald und Helene Pinkus aus Cora Stephans neuen Roman für sich nicht und erlauben sich im Jahr 1936 eine eigene Nische im gesellschaftlichen Rollen-Korsett, die besser zu ihrem eigenem Selbstverständnis passt. Für Margo heißt das, dass sie sich dem väterlichen Wunsch nach einer schnellen Heirat widersetzt und eine Ausbildung als Bürokauffrau bei Photo-Werner in Stendal beginnt. Margo weiß was sie will, am Ende vielleicht mal ein eigenes Auto, auf das sie bereits jetzt schon fleißig spart und ist sich für nichts zu schade. Am Anfang putzt sie nach Feierabend noch den Laden, aber immer mehr wird sie mit ihrem Talent für Zahlen zur Stütze der Firma, weil sie die komplette Buchhaltung sehr zur Zufriedenheit ihrer Chefs erledigt. Die Kolleginnen halten sie zwar für eine Streberin, aber das kann sie korrigieren, als sie endlich nicht mehr die Mittagspause allein im Büro verbringt. Im Geschäft der Werners lernt sie auch Helene kennen, die als Fotografin im spanischen Bürgerkrieg gerade noch mal mit dem Leben davon kam und von einem Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, Alard von Sedlitz, auf Wunsch eines alten Studienkollegen gerettet werden kann und in Stendal bei Photo-Werner Unterschlupf findet, denn Helene hat jüdische Wurzeln und befindet sich in ständiger Angst, von den Nazis entdeckt zu werden.

Die beiden Frauen könnten nicht unterschiedlicher sein, Margo, fleißig, sehr ehrgeizig und vor allem zielstrebig, wenn es darum geht, ihren Weg zu machen und der bürgerlichen Enge ihrer Familie zu entkommen. Politisch ist sie aber nach wie vor immer noch sehr naiv und sympathisiert zu Beginn noch mit der völkischen Ideologie der Nazis. Helene eine talentierte, jedoch in sich gekehrte junge Frau, ist alles andere als naiv, ihre Erfahrungen als junge Fotografin während es spanischen Bürgerkrieges haben sie geprägt. Obwohl sie doch so unterschiedlich sind, entsteht zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft, beide haben sich sogar in den charismatischen Alard von Sedlitz verliebt.

Doch mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verändern sich die Dinge schlagartig und die Träume beider Frauen lösen sich in Luft auf. Sie werden durch Krieg und Verfolgung auseinandergerissen. Margo verliert auf der Flucht 1945 ihr Kind und beinahe ihr Leben. Mit Henri, den der Krieg jegliche Illusionen geraubt hat, erkämpft sie sich mit Disziplin und großem Engagement eine neue Existenz in Westdeutschland. Helene, die Buchenwald überlebt hat, wird in Ostberlin von der Stasi zur „Kundschafterin des Friedens“ ausgebildet. Auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs treffen beide wieder aufeinander, immer noch verbunden durch ein dunkles Geheimnis und gelenkt durch die Stasi. Doch selbst der Zusammenbruch des DDR-Staates bedeutet kein Ende ihrer dramatischen Verstrickung, die noch bis ins letzte Jahr des 20. Jahrhunderts reicht.

 Mein Eindruck:

Cora Stephan hat es sehr spannend gemacht, ohne dabei trivial zu werden oder es an atmosphärischer Dichte fehlen zu lassen. Die Protagonistinnen sind lebensnah und sehr authentisch geschildert, man kann gar nicht aufhören und will immer wissen, wie es weiter geht. 630 Seiten in zwei Tagen das habe ich selten geschafft! Meine Familie war mehr oder weniger auf sich gestellt, denn ich hatte mich voll und ganz mit Margo identifiziert und konnte gar nicht aufhören zu lesen. Die Figur der Helene ist mir nicht so ans Herz gewachsen, was wohl daran lag, dass mir ihre doch eher ideologische Haltung nicht lag. Ich bin 1962 geboren, meine Mutter und Großmutter haben Flucht und Vertreibung noch selbst erlebt, da war mir die Figur der Margo einfach näher. Der Autorin ist es auf hervorragende Weise gelungen, den Protagonistinnen, zwei typische Frauenbilder dieser Zeit auf den Leib zu schneidern, ohne das die Charaktere dabei ihre Lebendigkeit und Authentizität eingebüßt haben.

 Wer ist die Autorin?

Cora Stephan ist seit mehr als dreißig Jahren freie Autorin und schreibt Essays, Kritiken, Kolumnen – und Bücher. Neben zehn Sachbüchern hat sie unter dem Pseudonym Anne Chaplet zehn preisgekrönte Kriminalromane veröffentlicht.

 Fazit: Ein sehr spannender Roman über die Zeit von 1936 bis zum Jahr 2000, den beiden deutschen Staaten und ihrer unerwarteten Wiedervereinigung. Die Geschichte lässt sich spannend lesen und die Protagonisten sind lebendig und authentisch, wobei die Figur der Margo noch echter wirkt, als die der Helene. Das Ende kommt überraschend und ist dann auch für meinen Geschmack, ein klein wenig zu konstruiert. Dies hat meinen Lesegenuss aber nicht beeinträchtigt, denn die Geschichte von Margo und Helene liest sich bis dahin sehr unterhaltsam und ohne in Trivialität abzudriften.