Schlagwort-Archive: Familiengeschichte

Sabine Weigand: Die Manufaktur der Düfte

 

Krüger Verlag

19,99 €

Ein Gründerzeitepos, dass auch Historiker nicht enttäuscht……

Story und authentische historische Fakten sind die Zutaten für einen guten historischen Roman – finde ich!

Historische Romane erfreuen sich nach wie vor einer großen Fan-Gemeinde. Die meisten Autoren komponieren ihren Geschichten jedoch inzwischen gerne sehr frei um ein paar mehr oder weniger stimmige Fakten, die manchmal auch zum Wohle der Dramatik einer Geschichte arg verborgen werden. Eine auf Teufel komm raus manipulierte packende Handlung und die Wünsche der Leser nach einer deftigen Liebesgeschichte, egal wie „Hanebüchen“ der historische Kontext dazu zitiert wird, sind dabei gang und gebe geworden in den letzten Jahren. Für mich ein Grund weshalb ich mich von diesem Genre inzwischen nahezu verabschiedet habe, denn ich mag sauber recherchierte Hintergründe, der gehört unbedingt zu einer guten Story dazu für mich!

Wer ist die Autorin?

Die in Franken ansässige Schriftstellerin, Sabine Weigand, kann inzwischen auf neun historische Romane zurückblicken. Im März erschien »Die Manufaktur der Düfte“ – ein Roman“ über die fränkische Seifen-Dynastie Ribot. Als Historikerin legt Weigand großen Wert auf authentische Geschichten, die sie auch aus ihrem unmittelbaren regionalen Umfeld entlehnt und recherchiert dazu sehr gründlich in Archiven. Sabine Weigand wurde 1961 in Nürnberg geboren. Nach dem Studium der Fächer Anglistik, Amerikanistik und Geschichte promovierte sie 1992 in Bayerischer Landesgeschichte an der Universität Bayreuth. Jahrelang arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Ausstellungsplanerin im Schwabacher Stadtmuseum und kennt damit den Ort des Geschehens dieses Romans und das Leben und Wirken der Ribot-Familie wie ihre Westentasche.

Vom Handwerksbetrieb bis hin Seifen-Lieferant für China….

Im Sommer 1845 heuert der Seifensieder und Wandergeselle Philipp Benjamin Ribot beim Meister Ernst Strunz in dessen kleiner Werkstatt in Schwabach an. Schnell kann er den Altmeister von seinem Talent überzeugen und beginnt mit seinen Ideen und Verbesserungen den Betrieb nach und nach so umzukrempeln, wie er sich das auf der Walz von anderen erfolgreichen Meistern abgeschaut hat. Schließlich wird er sogar zum Schwiegersohn und heiratet die Tochter des Meister-Ehepaares, die jedoch schnell im Kindbett stirbt, Anschließend verliebt sich Philipp in eine Cousine seiner Frau, die ebenfalls einer Seifensieder-Familie entstammt und gründet mit Katharina eine große Familie, die beiden werden 5 Kinder bekommen. Dem Ehrgeiz und dem Engagement des Wandergesellen Philipp Benjamin Ribot ist es zu verdanken, dass die Produktion in der Seifenwerkstatt Strunz optimiert und die Qualität der Seifen entscheidend verbessert werden kann, so dass es ihm gelingt, die sieben anderen Schwabacher Seifensieder nach und nach zu verdrängen und zum Platzhirsch in Sachen Seifen-Produktion aufzusteigen.

Aber erst unter seinem Sohn Fritz wird der erfolgreiche Handwerksbetrieb zu einer international exportierenden Fabrik ausgebaut. Fritz Ribot ist eine willensstarke Unternehmerpersönlichkeit mit einem unermüdlichen Elan, der nie Ruhe geben kann, bevor er nicht alle Schwierigkeiten gelöst hat und die hochragenden Ziele für seine Seifenfabrik erreicht wurden. Durch einen Besuch bei seinem Onkel mütterlicherseits, der als Seifenfabrikant in Amerika große Erfolge feiert, blickt er schon früh über den Tellerrand und holt sich bei diesem und dessen Geschäftspartnern schon früh Anregungen, wie man Betrieb und Produktion bei der Seifenherstellung entscheidend modernisieren kann. Als einer der ersten in Deutschland erkennt Fritz Ribot – angeregt durch den amerikanischen Onkel – sehr früh die Bedeutung und den Einfluss der Werbung auf den Absatz seiner Produkte und ist einer der ersten, der sich darum in Deutschland bemüht, seine Seifen auch entsprechend erfolgreich zu vermarkten. Damit gelingt ihm geschäftlich nahezu alles, was er sich vorgenommen hat und er steigt nach und nach zum viertgrößten Seifenhersteller im Deutschen Reich auf. Ribots Seifen werden weltbekannt und bis nach China geliefert. Die Verkaufsschlager der Firma unter der Ägide von Fritz sind eine besonders hautverträgliche  Seife mit Ei (Ray-Seife) und die berühmte Schwalbenseife, die buchstäblich immer oben schwimmt.

Die besten Geschichten schreibt sowieso das Leben….

Sabine Weigand hat nicht nur ein Familien-Epos vom Aufstieg und Fall eines der bedeutendsten Seifen-Sieder-Familien in Deutschland geschrieben, typisch für ihren Schreibstil ist es, dass sie ihre Figuren im Kontext ihrer Zeit belässt und damit ihren Lesern die Möglichkeit eröffnet, spannend und unterhaltsam in den historischen Kontext ihrer Figuren einzutauchen.

„Die Manufaktur der Düfte“ ist nicht nur ein spannendes Gründerzeit-Epos geworden, sondern zeigt ebenso lebendig und realistisch die Bedienungen, unter der die Arbeiter und ihre Familien leben und in den Fabriken schuften müssen. Dazu hat Weigand Figuren wie Trudi, Christian, Leo, Anna und geschaffen, die auf die eine oder andere Weise mit dem Schicksal und dem Leben der Familie Ribot verwoben sind und mutig gegen ein vorbestimmtes Schicksal aufbegehren, dass die Arbeiter und Armen in Kummer und Elend zurücklässt, wenn anderswo Menschen ihr Glück machen.

Fazit: Sabine Weigand schafft es auf gut 800 Seiten mir einen spannend und authentischen Einblick in die beginnende Industrialisierung Deutschlands zu eröffnen. Fritz, seine Geschwister, Trudi, Christian, Leo und ihre Familien sind mir so ans Herz gewachsen, dass ich das Buch schwer aus der Hand legen konnte. Auch der zum Teil recht nüchterne Schreibstil mit den vielen belegten Zeitdokumenten innerhalb der Handlung hat mir sehr gut gefallen. Der Autorin gelingt es das Leben der Menschen um die Jahrhundertwende – sowohl das der Industriellen als auch das der Arbeiterschaft ehrlich und authentisch in einen packenden Roman zu verpacken, so dass die Story lebendig bleibt der und historische Kontext weitestgehend erhalten bleibt und realistisch geschildert wird. Leider ist das bei Unterhaltungsliteratur mit historischem Hintergrund nicht mehr sehr oft der Fall, häufig dient dieser nur noch als Garnitur für eine Liebesgeschichte auf Lore-Roman-Niveau. Für mich zu wenig, um sowas als Buch unter die Leser zu bringen, deshalb freut es mich ungemein, dass das im Buch von Sabine Weigand zum Glück anders gemacht wurde!

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Metchild Borrmann: Trümmerkind

Metchild Borrmann: Trümmerkind

Droemer Verlag

Preis:19,99 €

Eine Geschichte auf drei Ebenen!

Auf drei Zeitebenen erzählt die Autorin ihre Geschichte: 1945, 1947 und 1992:

In ihrem Herrenhaus in der Uckermark erlebt Familie Anquist das Ende des Zweiten Weltkriegs und flieht schließlich vor den sowjetischen Besatzern von ihrem Gut.

Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter und Schwester  im Hamburg der Nachkriegsjahre durch: Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel – das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eines verlassenen Hauses eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst das Findelkind bei den Dietzens auf, die obwohl sie selbst nur das nötigste haben, dieser verstörten Seele Halt und Geborgenheit geben können.

1992 will Joost das Geheimnis seiner Herkunft ergründen. Und auch Anna Meerbaum, laut ihrer Mutter eine Nachfahrin jener Anquists aus der Uckermark, ist einem dunklen Familiengeheimnis auf der Spur, scheitert aber immer wieder an ihrer Mutter, die jedem Gespräch über die die Nazi-Herrschaft und die Zeit nach dem Krieg rigeros ausweicht und die Tochter mit Hilfe eines schlechtem Gewissens zum Aufgeben zwingen will. Erst Jahre später kommt das einstige Trümmerkind Hanno durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist:

Historischer Hintergrund:

Es ist ein authentischer Kriminalfall, der dem Roman zu Grunde liegt: die sogenannten Trümmermorde aus dem Jahr 1947. Vier Menschen sterben damals in Hamburg auf rätselhafte Weise, alle wurden an unterschiedlichen Fundorten entdeckt, alle sind erdrosselt worden und alle waren nackt, sodass man davon ausgehen kann, dass es sich um eine Mord-Serie gehandelt hat, und das die Täter dieselben waren. Erstaunlicherweise waren diese Menschen gut genährt,  – eine Frau hatte sogar lackierte Nägel und blondiertes Haar.

Fazit: Trümmerkind ist ein sauber recherchierter Kriminalfall Für ihren Roman hat Mechtild Borrmann mit Zeitzeugen gesprochen, Schauplätze besucht und in den Akten des Hamburger Staatsarchivs recherchiert. Historische Reportage und Detektivgeschichte verbinden sie hier gekonnt, besonders bei der Beschreibung einzelner Bildern, Situationen, Stimmungen zeigt die Autorin für mich ihre ganze Stärke und schafft es, dass man bewegt den Atmen anhält und immer weiter lesen muss, bis die ganze Geschichte um Hannos Herkunft endlich auf dem Tisch liegt. Dieser Roman ist großes Kino, ich habe mich vortrefflich unterhalten.

Das Erbe der Tuchvilla

Das Erbe der Tuchvilla von Anne Jacobs

Anne Jacobs: Das Erbe der Tuchvilla

Blanvalet Verlag

Preis: 9,99 €

In der Tuchvilla geht es aufwärts!

 Aufatmen in der Tuchvilla, Paul ist aus dem Krieg zurückgekehrt und übernimmt die Leitung der familieneigenen Tuchfabrik wieder von seiner kreativen und überaus tüchtigen Ehefrau Marie. Kitty die jüngste Schwester rät Paul, dass er Maries Selbständigkeit und Kreativität unterstützen sollte, schließlich hat sie den Betrieb mit Bravour und Einfallsreichtum durch Wirtschaftskrise und harte Zeiten geführt. Und das so, dass auch der eigensinnige Schwiegervater, Johann Melzer, der inzwischen verstorben ist, ihr großen Respekt dafür zollte. Paul nimmt sich den Rat der Schwester zu Herzen und richtet seiner Frau ein eigenes Modeatelier ein, mit dem Marie schnell Furore bei Augsburgs Damenwelt macht.

Die Frauen der Familie wissen was sie wollen!

 Kitty, die junge exaltierte und künstlerisch veranlagte Schwester hat weniger Glück gehabt, ihr Mann, Alfons, ist gefallen. Die junge lebensfrohe Frau trägt schwer an diesem Verlust, auch wenn die Ehe sich zu Beginn wie eine Notlösung angeboten, hat, ist die verwöhnte Jüngste der Melzer-Kinder über diesen jähen Verlust am Boden zerstört. Kitty zieht deshalb vorerst mit ihrer Tochter Henriette, auch genannt Henny, die ihr unglaublich ähnlich ist, zurück in die Tuchvilla. Mama Melzer ist sehr glücklich darüber, nach dem Tod des Patriarchen und Familienvaters ist es ihr noch wichtiger geworden, all ihre Lieben wieder um sich zu haben. Besonders die Kinder im Haus, dazu gehören neben Henny auch Leo und Dodo die Zwillinge von Paul und Marie, tun ihr gut. Allerdings sieht sie Maries Berufstätigkeit und die Erfolge ihres Modeateliers mit gemischten Gefühlen. Für Alicia steht eine Ehefrau und Mutter in erster Linie dem Haushalt vor und kümmert sich um den Nachwuchs und deshalb überredet sie Paul, eine Gouvernante für die Kinder zu engagieren.

Die böse Gouvernante sorgt für jede Menge Streit innerhalb der Familie

Elisabeth, die mit ihrem kriegsversehrten Mann Klaus und dessen Eltern das Gut von Alicias Familie in Pommern bewirtschaftet und sich zu einen ganz anderen wenig standesgemäßen Mann hingezogen fühlt, empfiehlt eine gute aber verarmte adelige Freundin. Frau von Dobern gewinnt schnell das Vertrauen von Alicia Mälzer, hat aber wenig Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Kindern. Sie ist streng, sehr auf überalterte Konventionen bedacht und interessiert sich überhaupt nicht für das Glück der Kinder. Paul muss ständig zwischen den jungen Frauen der Familie und der Mutter schlichten, bis es zum Eklat kommt Kitty, Marie und die Kinder verlassen die Tuchvilla.

Jede Menge Probleme und spannende Zeiten

 Anne Jacobs ist es auf sehr unterhaltsame Weise gelungen uns am Schicksal der Familie Melzer während der „goldenen Zwanziger“, eine spannende, aber auch fragile Zeit, Aufbruch in Kunst und Wissenschaft, ein neues Frauenbild, erste demokratische Versuche – aber auch Inflation, Arbeitslosigkeit und letztlich der Ruf nach dem „starken Mann“, teilhaben zu lassen. Besonders Paul ist dieses Mal sehr gefordert, eine Ehe wird auseinandergerissen, Kinder stehen dazwischen, ein Paar, das sich eigentlich sehr zugetan ist, gerät in eine tiefe Krise. „Mensch Paul, möchte man ihm zurufen, wach auf“, Du liebst doch Deine schöne junge Frau und hast so um diese Liebe gekämpft….

Fazit: Anne Jacobs ist mit „Das Erbe der Tuchvilla“ ein sehr kurzweiliger und unterhaltsamer historischer Roman aus der Zeit des 20. Jahrhunderts gelungen. Aufgrund der lebendigen Protagonisten gelingt ein sehr schöner Einblick in das Leben der Fabrikantenfamilie Mälzer, der mir sehr gut gefallen hat, weil er neben authentischen Figuren auch die Geschichte der vergangenen Zeit wieder aufleben lässt. Alle Liebhaber von Familiengeschichten werden mit der Tuchvilla-Trilogie ihre Freude haben, der Roman garantiert jede Menge vergnügliche Stunden! Ich empfehle aber, alle Bände der Reihe chronologisch zu lesen, um dem Familienleben und allen Akteuren folgen zu können. Ich freue mich auf eine Fortsetzung, liebe Anne Jacobs und hoffe, Sie sind schon dran und lassen uns nicht zu lange darauf warten!

Theresa Simon: Die Holunderschwestern

Die Holunderschwestern von Teresa Simon

Theresa Simon: Die Holunderschwestern

Blanvalet Verlag

Preis: 9,99 €

Zwei Frauen –zwei Geschichten – eine Familie…….

München 1918: Die junge Fanny hat ihre Mutter verloren und sehnt sich danach, der Enge der Familie und ihrer Heimat der (Oberpfalz) zu entfliehen. Das Schicksal kommt der jungen Frau gelegen, ein Bruder hat schon sein Glück in München gemacht und vermittelt Fanny eine Anstellung bei einer Schneiderin. Franzi, die sensible Zwillingsschwester bleibt leider zurück. Im Zug nach München lernt die aufregte und ein wenig eingeschüchterte Fanny eine jüdische Familie kennen und freundet sich mit deren Kindern an.

München 2015: Katharina Raith ist Mitte 30 und hat sich mit ihrer besten Freundin und Partnerin, Isi, gerade mit einer eigenen Werkstatt zum Restaurieren von alten Möbeln selbständig gemacht. Das Geschäft fängt langsam zu laufen und Katharina hat sich in ihrem Leben eingerichtet, sie ist zufrieden, auch wenn die große Liebe ihr noch nicht begegnet ist.

Eines Tages steht überraschend ein überaus charmanter und gutaussehender Engländer vor ihrer Tür und überreicht ihr die Tagebücher ihrer Urgroßmutter.

Viel Zeitgeschichte, sympathisches Protagonistinnen und die böse Eifersucht….

Katharina ist verwirrt, aber auch gespannt, als sie anfängt in diesen Kladden zu lesen, stellt sie fest, in ihrer Familie gab es viele Geheimnisse: Die Geschichte ihrer Urgroßmutter Fanny, die in den bewegten 20iger Jahren einer jüdischen Familie in München den Haushalt führte und alle mit ihrem Holunderkompott verwöhnte zieht sie ganz in seinen Bann. Katharina will mehr wissen, nicht nur über die überaus herzliche und sympathische Fanny, die mutig ihre Chance ergriff, sondern auch über die schöne und zarte Alina, die Tochter des Hauses, deren Glück durch die Repressalien der sich ankündigenden Nazi-Herrschaft bedroht wird. Alina und Fanny sind sich sehr herzlich zugetan und echte Freundinnen geworden. Besonders Fanny ist bereit, mit der Schwester im Herzen durch dick und dünn zu gehen, was Fritzi die Zwillingsschwester Fannys, die inzwischen auch in München eine Anstellung gefunden hat, sehr eifersüchtig werden lässt. Alle drei erleben den Aufbruch und die Schrecken dieser später sehr düsteren Zeit hautnah mit und ihr Schicksal ist auf tragische und sehr spannende Weise miteinander verwoben. Das macht die Geschichte ungeheuer anziehend, besonders mit Fanny habe ich mich sehr identifizieren können, weil sie tapfer und tatkräftig ihr Schicksal annimmt und immer versucht, das Beste daraus zu machen. Meistens ist sie ruhig und zurückhaltend, aber wenn es darauf ankommt, schafft sie es auch, vermeintlich stärkeren Gegner die Stirn zu bieten. Mir hat das sehr gut gefallen, dass diese Figur ihre Ängste überwindet und sich nicht in die passive Opferrolle hineindrängen lässt, Fanny ist für ihre Zeit mindestens ebenso selbstbestimmt wie Katharina, die viele Jahrzehnte später nicht nur den Geheimnissen ihrer Familie auf die Spur kommt, sondern auch selbst ganz unverhofft ihr Glück findet.

Fazit: Teresa Simon hat diese Familiensaga sehr fesselnd und spannend erzählt. Von der ersten Seite an war ich mitten im Geschehen und ungeheuer gespannt darauf, ob am Ende der Geschichte wohl alle Familiengeheimnisse, die in der Story so nach und nach ans Licht kommen, aufgedeckt werden können. Mit Fanny habe ich mitgelitten und gehofft, dass sie sich ihr Glück nicht zerstören lässt und mich auch an ihren Geheim-Rezepten erfreut, für die sie sogar von der Familie des Malers Paul Klee engagiert wurde. Der historische Background wurde stimmig recherchiert und die Jahre der Münchner-Räterepublik und deren späteres Scheitern fesselnd in die Geschichte eingebaut. Das hat mir sehr gut gefallen! Die zweite Ebene mit der Urenkelin Katharina ist zwar in der Geschichte ein wenig blasser ausgearbeitet, aber auch bei Katharina habe ich mich am Ende mit ihr gefreut, dass sie ihr Glück gefunden hat. Mich hat aber besonders das Schicksal von Fanny gar nicht mehr los gelassen und ich habe das Buch sehr schnell zu Ende gelesen, weil ich einfach wissen musste, wie es mit ihr weitergeht. Ein tolles Buch für alle die Familiengeschichten mit historischem Kontext mögen und auch zu einer Herz-Schmerz-Liebesgeschichte mit Happy End nicht nein sagen. Perfekte Lektüre, um das Wochenende auf der Couch zu verbringen!

Anne Jacobs: Die Töchter der Tuchvilla

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Anne Jacobs: Die Töchter der Tuchvilla

Blanvalet Verlag

Preis: 9,99 €

Es geht weiter, in der Tuchvilla, spielt die jüngere Generation jetzt die erste Geige!

Hier handelt es sich um den zweiten Band einer Triologie. Den ersten Band Die Tuchvilla habe ich bereits vor einigen Monaten gelesen. Hier habe ich mich auch gut unterhalten, doch hat mich der Folgeband noch mehr in seinen Bann gezogen.

Hintergrund:

Paul und Marie, das ungewöhnliche Liebespaar (Erbe verliebt sich in ein Küchenmädchen mit besonderem Bezug zum Firmengründer) müssen sich trennen, der erste Welt-Krieg ist ausgebrochen und Paul, wie alle anderen jungen Männer der Familie, muss an die Front. Ihnen bleiben nur Briefe und leidenschaftliche Erinnerungen, sie sind gerade kurz vorher Eltern von Zwillingen geworden, und hoffen vor allem auf ein baldiges Wiedersehen.

Die Villa der Familie Melzer wird trotz Widerstand des Familienoberhauptes und Patriarchen in ein Lazarett verwandelt, wo nicht nur Mutter und Hausdame, sondern auch Pauls Schwester Elisabeth eine Aufgabe findet und ihren penetranten und sehr fordernden adligen aber verarmten Schwiegereltern entfliehen kann. Diese haben sich nämlich bei Elisabeth einquartiert und dreist die ganze Wohnung von Elisabeth und ihrem Mann, Klaus von Hagemann, in Beschlag genommen.

Elisabeths Ehe, um die sie gekämpft hat wie eine Löwin, steht ohnehin unter großem Druck, die Sehnsucht nach einem Kind wächst und zu allem Übel muss sie noch erkennen, dass ihr Mann Klaus nicht der von ihr idealisierte Partner ist.

Protagonisten, die entdecken, was sie wollen und dafür auch kämpfen!

Es gibt sehr viele interessante Entwicklungen in der Fortsetzung und die jungen Menschen in der Geschichte haben sich weiterentwickelt und präsentieren sich in einem ganz anderen Licht. Marie erweist sich als starke Frau, die das Erbe ihres Vaters (ehemals Kompagnon von Pauls Vater und genialer Konstrukteur), fortführen möchte und nicht nur Mutter und Ehefrau sein will.

Elisabeth (Pauls anfangs sehr standesbewusste Schwester) wird mutiger, selbstbewusster, rebelliert gegen ihre Schwiegereltern und findet im Lazarett eine echte Aufgabe und verabschiedet sich mit Unterstützung der Liebe von allen ihren Standesdünkeln. Kitty, Pauls exaltierte Schwester, reift von einer nervigen egozentrischen Person durch Liebe und Verlust zur erwachsenen Frau. Besonders anrührend sind aber die Geschichten von Humbert (Hausdiener in der Tuchvilla) und Hanna (Küchenmädchen), die der Krieg und die Liebe vor große Herausforderungen und Schicksalsschläge stellen.

Fazit:

Anne Jacobs hat es geschafft, die Schrecken des ersten Welt-Krieges in eine Geschichte einfließen zu lassen und die Sorgen und Nöte aller, Herrschaft und Personal, unterhaltsam und mitreißend in eine spannende Geschichte zu verpacken. Der Roman lebt durch die persönliche Identifikation von Lesern und Protagonisten, mir hat das Buch sehr gut gefallen!

Wer schreibt und wie geht es weiter?

Anne Jacobs veröffentlichte bereits unter anderem Namen historische Romane. Ihr Schreibstil ist mitreißend, spannend und sehr unterhaltsam. Die über 700 Seiten haben mich beim Lesen total gefesselt, jetzt muss ich unbedingt wissen wie es weiter geht.