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Donna Leon: Stille Wasser

Donna Leon: Stille Wasser

Diogenes Verlag

 

Preis: 24;– €

Brunetti auf Abwegen……

Gutmensch oder Simulant?

 Commissario Guido Brunetti vernimmt den Rechtsanwalt Ruggieri, der in Verdacht steht, einer hübschen jungen Frau während einer Party Ecstasy-Tabletten verabreicht zu haben. Unglücklicherweise verstarb diese noch der gleichen Nacht. Während der Vernehmung bemerkt Brunetti, dass sein junger Mitarbeiter Puccetti kurz davor ist, eine ungeheure Dummheit zu begehen und dem selbstherrlichen und äußerst arroganten Anwalt an die Gurgel zu gehen, für den dieses Opfer nur irgendeine junge Frau in einem grünen Kleid war, dass die Nähe der Schönen und Reichen gesucht hat, auf dieser Party seiner Meinung aber eigentlich nichts verloren hatte. Frauen dieser Kategorie sind in seinen Augen nur Dekoration und Gebrauchsgegenstand.

Brunetti, der selbst an dem Filz der Lagunenstadt verzweifelt, aber bislang vor solchen unbedachten Aktionen durch die Gespräche mit seiner klugen und kritischen Frau Paola davor bewahrt wurde, die Nerven zu verlieren, stellt sich schützend vor Puccetti und täuscht einen publikumswirksamen akuten Schwächeanfall vor, um dies zu vereiteln. Im Krankenhaus findet man nichts sonderlich Bedrohliches, verschreibt dem Simulanten aber wegen mancherlei Stress-Symptomen einige Wochen Erholung und strikten Abstand von der Questura.

Reif für die Insel!

 Brunetti ist erleichtert, dass es ihm mit seinem Täuschungsmanöver gelungen ist, die Karriere des jungen Mannes zu retten. Nicht auszudenken, was mit ihm passiert wäre, hätte der umsichtige und einfühlsame Commissario nicht eingegriffen. Aber auch dieser ist müde und ausgebrannt, weil auch er nur mit der nicht immer legalen aber sehr trickreichen Unterstützung von Signorina Elettras, bei seinen Ermittlungen der Gerechtigkeit am Ende seiner Fälle ein wenig Gehör verschafft. Diese verordnete Auszeit kommt also wie gerufen, um selbst ein wenig Abstand vom korrupten System seiner Heimatstadt zu gewinnen.

Mit ein paar Klassiker im Gepäck geht es für Brunetti wenige Tage später auf die kleine Insel Sant’Erasmo mitten in der Lagune, auf ein Anwesen, das einer Tante seiner Frau gehört, und von einem Hausverwalter namens Davide Casati und seiner Tochter verwaltet wird. Jetzt heißt es erstmal zwei Wochen ausspannen für den Gutmensch Brunetti. Sehr schnell stellt sich allerdings heraus, dass Casati gut bekannt mit Guido Brunetttis Vater war und zusammen mit diesem bei einer Regatta einen Sieg nach Hause rudern konnte. Brunetti genießt es ungemein, auf den Spuren seines Vaters zu wandeln und fährt nahezu täglich mit dem Mann zum Rudern in die faszinierende Wasserwelt der Lagune, um dessen Bienenstöcke zu kontrollieren.

Casati nennt die Bienen „seine Mädchen“, die sterben, weil er ihnen etwas angetan habe – und macht noch weitere schwer einzuordnende Andeutungen. Während Brunetti sie noch als Phantasien eines betagten Mannes einordnet, weil bis jetzt alles keinen Sinn macht und ihm der Freund des Vaters so ungeheuer sympathisch ist, ahnen die Stammleser schon in welche Richtung es möglicherweise weiter geht. Und tatsächlich: Nach einem heftigen Unwetter ist Casati samt seinem Boot verschwunden, Brunetti macht sich auf die Suche.

Fazit: Ein typischer Brunetti, denn die Autorin, ist nicht nur Wahl-Venezianerin, sondern auch eine leidenschaftliche Umwelt-Aktivistin, die ihre Romane auch nutzt, um auf die gravierenden Missstände im ökologischen System der Lagunenstadt hinzuweisen. Soweit also nichts Neues, dass kennen wir Stammleser und schätzen den kritischen und bildungsbeflissenen Kommissar schon lange. Da Brunetti diesmal aber ohne seine kluge Frau Paola und meistens auch ohne die umtriebige Elettra auskommen muss, schließlich ist er offiziell krankgeschrieben, nimmt die Geschichte nur sehr langsam Fahrt auf. Auch sein Vorgesetzter Patta fehlt mir als Kontrast zum moralisch integren Brunetti und die Schmunzler bleiben bei mir aus. Nicht schlimm, Autoren müssen ihre Protagonisten auch mal aus den alten Strukturen befreien und dem Leser neue Facetten ihrer Hauptdarsteller zumuten. Leider ist „Stille Wasser“ diesmal ein sehr halbherziger Versuch dies anzugehen, das Thema, um das es letztendlich geht, ist selbstverständlich nicht neu und natürlich sehr berechtigt, das Problem bei diesem Roman ist allerdings, dass die Figur des Davide und seiner Mittstreiter sehr blutleer ausgestaltet wurden, vieles bleibt wage. Auch das Problem, das letztendlich zum Mord führt, wird nicht knackig und zielgerichtet zu Ende geführt und die Unterhaltung, die Pattas Eskapaden sonst geboten haben, bleibt aus, da der Commissario diesmal allein unterwegs ist. Als eingefleischter Brunetti-Fan habe ich das Buch trotzdem gerne gelesen, ich denke aber, wer das nicht ist, der sollte besser mit einem anderen Roman beginnen, die Story hat leider nicht das Potenzial süchtig zu machen.

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