Donna Leon: Stille Wasser

Donna Leon: Stille Wasser

Diogenes Verlag

 

Preis: 24;– €

Brunetti auf Abwegen……

Gutmensch oder Simulant?

 Commissario Guido Brunetti vernimmt den Rechtsanwalt Ruggieri, der in Verdacht steht, einer hübschen jungen Frau während einer Party Ecstasy-Tabletten verabreicht zu haben. Unglücklicherweise verstarb diese noch der gleichen Nacht. Während der Vernehmung bemerkt Brunetti, dass sein junger Mitarbeiter Puccetti kurz davor ist, eine ungeheure Dummheit zu begehen und dem selbstherrlichen und äußerst arroganten Anwalt an die Gurgel zu gehen, für den dieses Opfer nur irgendeine junge Frau in einem grünen Kleid war, dass die Nähe der Schönen und Reichen gesucht hat, auf dieser Party seiner Meinung aber eigentlich nichts verloren hatte. Frauen dieser Kategorie sind in seinen Augen nur Dekoration und Gebrauchsgegenstand.

Brunetti, der selbst an dem Filz der Lagunenstadt verzweifelt, aber bislang vor solchen unbedachten Aktionen durch die Gespräche mit seiner klugen und kritischen Frau Paola davor bewahrt wurde, die Nerven zu verlieren, stellt sich schützend vor Puccetti und täuscht einen publikumswirksamen akuten Schwächeanfall vor, um dies zu vereiteln. Im Krankenhaus findet man nichts sonderlich Bedrohliches, verschreibt dem Simulanten aber wegen mancherlei Stress-Symptomen einige Wochen Erholung und strikten Abstand von der Questura.

Reif für die Insel!

 Brunetti ist erleichtert, dass es ihm mit seinem Täuschungsmanöver gelungen ist, die Karriere des jungen Mannes zu retten. Nicht auszudenken, was mit ihm passiert wäre, hätte der umsichtige und einfühlsame Commissario nicht eingegriffen. Aber auch dieser ist müde und ausgebrannt, weil auch er nur mit der nicht immer legalen aber sehr trickreichen Unterstützung von Signorina Elettras, bei seinen Ermittlungen der Gerechtigkeit am Ende seiner Fälle ein wenig Gehör verschafft. Diese verordnete Auszeit kommt also wie gerufen, um selbst ein wenig Abstand vom korrupten System seiner Heimatstadt zu gewinnen.

Mit ein paar Klassiker im Gepäck geht es für Brunetti wenige Tage später auf die kleine Insel Sant’Erasmo mitten in der Lagune, auf ein Anwesen, das einer Tante seiner Frau gehört, und von einem Hausverwalter namens Davide Casati und seiner Tochter verwaltet wird. Jetzt heißt es erstmal zwei Wochen ausspannen für den Gutmensch Brunetti. Sehr schnell stellt sich allerdings heraus, dass Casati gut bekannt mit Guido Brunetttis Vater war und zusammen mit diesem bei einer Regatta einen Sieg nach Hause rudern konnte. Brunetti genießt es ungemein, auf den Spuren seines Vaters zu wandeln und fährt nahezu täglich mit dem Mann zum Rudern in die faszinierende Wasserwelt der Lagune, um dessen Bienenstöcke zu kontrollieren.

Casati nennt die Bienen „seine Mädchen“, die sterben, weil er ihnen etwas angetan habe – und macht noch weitere schwer einzuordnende Andeutungen. Während Brunetti sie noch Phantasien eines betagten Mannes einordnet, weil bis jetzt alles keinen Sinn macht und ihm der Freund des Vaters so ungeheuer sympathisch ist, ahnen die Stammleser schon in welche Richtung es möglicherweise weiter geht. Und tatsächlich: Nach einem heftigen Unwetter ist Casati samt seinem Boot verschwunden, Brunetti macht sich auf die Suche.

Fazit: Ein typischer Brunetti, denn die Autorin, ist nicht nur Wahl-Venezianerin, sondern auch eine leidenschaftliche Umwelt-Aktivistin, die ihre Romane auch nutzt, um auf die gravierenden Missstände im ökologischen System der Lagunenstadt hinzuweisen. Soweit also nichts Neues, dass kennen wir Stammleser und schätzen den kritischen und bildungsbeflissenen Kommissar schon lange. Da Brunetti diesmal aber ohne seine kluge Frau Paola und meistens auch ohne die umtriebige Elettra auskommen muss, schließlich ist er offiziell krankgeschrieben, nimmt die Geschichte nur sehr langsam Fahrt auf. Auch sein Vorgesetzter Patta fehlt mir als Kontrast zum moralisch integren Brunetti und die Schmunzler bleiben bei mir aus. Nicht schlimm, Autoren müssen ihre Protagonisten auch mal aus den alten Strukturen befreien und dem Leser neue Facetten ihrer Hauptdarsteller zumuten. Leider ist „Stille Wasser“ diesmal ein sehr halbherziger Versuch dies anzugehen, das Thema, um das es letztendlich geht, ist selbstverständlich nicht neu und natürlich sehr berechtigt, das Problem bei diesem Roman ist allerdings, dass die Figur des Davide und seiner Mittstreiter sehr blutleer ausgestaltet wurden, vieles bleibt wage. Auch das Problem, das letztendlich zum Mord führt, wird nicht knackig und zielgerichtet zu Ende geführt und die Unterhaltung, die Pattas Eskapaden sonst geboten haben, bleibt aus, da der Commissario diesmal allein unterwegs ist. Als eingefleischter Brunetti-Fan habe ich das Buch trotzdem gerne gelesen, ich denke aber, wer das nicht ist, der sollte besser mit einem anderen Roman beginnen, die Story hat leider nicht das Potenzial süchtig zu machen.

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Ingrid Noll: Halali

 

Ingrid Noll: Halali

Diogenes Verlag

Preis: 22,– €

Die Jagd hat begonnen!

 Back to the 50ties!

 Die 82 jährige verwitwete Holda lebt im selben Mietshaus, in dem auch ihre Enkelin, Laura, eine Wohnung hat. Beide mögen sich sehr und Laura schaut gerne mal bei der Großmutter vorbei, entweder um die gebügelte Wäsche abzuholen oder mit leckerem Sushi im Gepäck. Wie die Großmutter arbeitet auch die Enkelin im Büro, heute heißt das Assistentin, Holda und ihre Kollegin und Freundin Karin Bowler haben noch in den 50igern als Stenotypistin im Innenministerium in der jungen Hauptstadt Bonn angefangen. Der Chef der beiden ist ein Kriegsversehrter, der noch die Bude vollpaffen darf und seine Grazien auch gerne mal Mädels nennt. „Casual-Friday“ von dem die Enkelin erzählt, war noch nicht erfunden, damals wurde nämlich noch an 3 Samstagen im Monat gearbeitet und nach Büroschuss wurde sich zwar umgezogen, aber das hieß keinesfalls das man in Jogging-Hose auf der Couch lümmelte.

Lebenshunger versus Pflichtbewusstsein!

Holda und Karin haben Ziele, und wollen sich amüsieren und eine absolute Abneigung gegen pflichteifrige Kollegen, von denen der schlimmste ausgerechnet noch bei Karins adeliger Tante in Bad Godesberg ein Zimmer gefunden hat. Diese vermietet, wie viele damals viele, gerne nur an möblierte Herren, denen muss zwar regelmäßig das Frühstück serviert werden und putzten tun nur die selbst, die etwas zu verbergen haben, aber die Dramen bleiben aus, wer sich amüsieren will verschwindet entweder in die Kneipe oder amüsiert sich anderweitig außer Haus.

Eine junge Republik, viele Feinde und jede Menge Einsamkeit!

Doch nicht nur die jungen Frauen jagen in diesem Roman ihrem Lebensglück hinterher und das war für die meisten weiblichen Wesen in den 50iger Jahren eine gute Partie, sondern die Hauptstadt ist auch Anziehungspunkt für Polit-Spione, die es auf einsame Frauen in den Ministerien abgesehen haben, um ihnen Geheimnisse zu entlocken und dafür zu sorgen, dass die Gegner der jungen Republik nichts ins Hintertreffen gerieten.

Als ein Mann, den die beiden Freundinnen kurz zuvor noch mit dem Regierungsrat Burkhard Jäger zusammen gesehen haben, tot im Rhein treibt, halten sie den Beamten für einen Geheimagenten und gehen dem Verdacht nach …

Obacht, wer nicht erlegt werden möchte, am Ende entscheidet die Zielstrebigkeit!

Ingrid Noll lag es fern, einen Agentenroman zu schreiben, aber sie ist Meisterin darin, Menschen mit ihren Sehnsüchten und Wünschen zu skizzieren, ihre Heldinnen morden nur, wenn man ihnen bei der Verwirklichung ihrer Ziele in die Quere kommt, dann wird aber meistens nicht lange gefackelt! Frauen morden subtiler und Männer, die länger leben wollen, müssen bei Frau Noll schon ein bisschen auf der Hut sein, auch wenn es total harmlos anfängt, wie hier….

Mehr amüsante Zeitreise als Krimi!

Wie könnte es anders sein, kommen natürlich auch in diesem Roman Menschen gewaltsam ums Leben, geplant war das aber nicht, wie immer bei Ingrid Nolls Figuren, die jungen Damen sind halt zielstrebig, auch Holda lernt schnell von der Freundin. Wer den eigenen Zielen im Weg steht und droht diese zu vereiteln, muss weg, daran führt kein Weg vorbei! Diese jungen Frauen wollen sich aber eigentlich nur amüsieren und den Mann fürs Leben finden. Der Autorin gelingt es perfekt, die spießigen 50iger Jahre und die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen damals zu portraitieren. Gerade die Gespräche zwischen Holda und ihrer Enkelin Laura sind dazu angelegt, Vergleiche anzustellen zwischen damals und heute. Chefs waren noch Autoritäts-Personen und die Frauen sehnten sich nach der Nylon-Strumpfhose und der Anti-Babypille und gebadet wurde höchsten am Samstag. Die Geschichte von Holda und Karin ist abenteuerlich, nimmt die eine oder andere unerwartete Wendung und ist eine köstliche und amüsante Zeitreise in die 50iger Jahre, die dem geneigten Leser nichts abverlangt, sondern nur unterhalten möchte, diese Autorin überlässt es uns unseren eigenen Schlüsse zu ziehen.

 

Bretonisches Leuchten

 

Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Leuchten

Kommissar Dupins 6. Fall

Kiepenheuer & Witsch

Preis: 14,99 €

Bretonische Ferien und ein perfides Verbrechen

Zwischen den rosa Granitfelsen der Côte d‘Armor steht Commissaire Dupin vor einer unlösbaren Aufgabe: Es ist Hochsommer, und er soll Ferien machen. Am Strand liegen, nur das Leben genießen – ganze zwei Wochen lang! Für Dupin eine unerträgliche Vorstellung.

Während Claire die Ruhe zu genießen scheint, nutzt Dupin jede Gelegenheit, das Strandhandtuch zu verlassen. Das fabelhafte Abendessen auf der Hotel-Terrasse und die Gerüchte über eine geklaute Heiligenstatue gehören zu den wenigen spannenden Momenten seiner Tage. Doch dann verschwindet eine Frau vor den Augen der Hotelgäste spurlos und es wird ein Anschlag auf eine Abgeordnete verübt, die im Clinch mit den Landwirten liegt. Wenig später erschüttert der Fund einer Leiche den Küstenort. Heimlich nimmt Dupin mithilfe der Dorfbewohner die Ermittlungen auf, schließlich darf Claire nichts mitbekommen, ihm wurde strengste Erholung verordnet. Auch die Kollegen aus Concarneau, allen voran Nolwenn, verweigern ihm ihre Unterstützung und bestehen darauf, dass der Commissaire endlich los lässt und seine Ferien genießt.

Wer ist der Autor?

Jean-Luc Bannalec ist ein Pseudonym; der Autor ist in Deutschland und im südlichen Finistère zu Hause. Die ersten fünf Bände der Krimireihe mit Kommissar Dupin, »Bretonische Verhältnisse«, »Bretonische Brandung«, »Bretonisches Gold«, »Bretonischer Stolz« und »Bretonische Flut« wurden für das Fernsehen verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2016 wurde Jean-Luc Bannalec von der Region Bretagne mit dem Titel »Mécène de Bretagne« ausgezeichnet.

Dupin, die Ferien stehen Dir wirklich gut!

Ich gestehe, ich habe bislang alle Dupin-Romane gelesen. Beim ersten war ich hin und weg, den fünften Roman fand ich schwach. Immer wieder dieselben Macken bei allen Protagonisten, Dupin ein kaffeesüchtiger Workaholic, seine überaus kompetenten Assistentin Nolwenn, die wirklich jedes Problem lösen kann und als Garnitur noch die beiden Inspektoren Kadeg, Dienst beflissen und unsympathisch bis zu zum Anschlag und der freundliche Riwal mit seinem Faible für bretonische Geschichte und Mystik.

Nach 5 Büchern möchte man ja nicht immer wieder die gleichen Geschichten und Scherze lesen. Im sechsten Band hat der Autor Dupin Urlaub verordnet, er bekommt damit ganz andere Helfer an die Seite gestellt, Ines die abgeklärte Polizistin, die sich nie in die Karten schauen lässt, ihren Onkel, der Dorf-Friseur, der alles über jeden weiß und auch gerne selbst mal die Strippen zieht und den umtriebigen und sehr redseligen Hotelier Rosmin Bellet, der Dupin den Fall geradezu auf dem Silbertablett serviert. Dupin findet  in dieser Kulisse, die ein herrlich altmodisches und verschlafenes Seebad ist, wieder zu seiner alten Stärke zurück und liefert eine spannende Kriminalgeschichte, bei der ich über diesen kauzigen Kommissar auch wieder schmunzeln kann, inklusive der Sondereinlage von Nolwenn, die von Dupin trotz Verbot von Claire, zum Eingreifen in den Fall verführt wird und einen filmreifen Auftritt hinlegt.

Claire, die Partnerin von Dupin, lernen wir in diesem Buch endlich besser kennen, und sie scheint es faustdick hinter den Ohren zu haben, wenn es darum geht ihren George zu täuschen! Nur gut, dass er ihr da in keiner Weise nachsteht und so liefern die zwei sich ein gegenseitiges Täuschungsmanöver, dass manchmal leider ein bisschen in Slapstick Komik abdriftete, was im Besonderen auch für den Gastauftritt von Nolwenn gilt, weil der Autor  in meinen Augen hier einfach zu viel gewollt hat. Zum Glück wurde aber in diesem Buch auf eine stark überzeichnete bretonische Mystik verzichtet, die für mich den Lesegenuss im fünften Band eingeschränkt hat.

Fazit: Ich habe mich gut unterhalten Dupin, Ferien stehen dir einfach gut, solltest Du Dir nicht nur alle Jubeljahre mal gönnen, ich wünsche mir aber auch, dass du uns auch neue Facetten an Dir zeigst, denn auch ein starrsinniger Kommissar sollte mal was neues wagen! Hier scheint der Anfang gemacht worden zu sein, wenn man den Andeutungen am Ende des Buches glauben kann. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

Metchild Borrmann: Trümmerkind

Metchild Borrmann: Trümmerkind

Droemer Verlag

Preis:19,99 €

Eine Geschichte auf drei Ebenen!

Auf drei Zeitebenen erzählt die Autorin ihre Geschichte: 1945, 1947 und 1992:

In ihrem Herrenhaus in der Uckermark erlebt Familie Anquist das Ende des Zweiten Weltkriegs und flieht schließlich vor den sowjetischen Besatzern von ihrem Gut.

Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter und Schwester  im Hamburg der Nachkriegsjahre durch: Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel – das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eines verlassenen Hauses eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst das Findelkind bei den Dietzens auf, die obwohl sie selbst nur das nötigste haben, dieser verstörten Seele Halt und Geborgenheit geben können.

1992 will Joost das Geheimnis seiner Herkunft ergründen. Und auch Anna Meerbaum, laut ihrer Mutter eine Nachfahrin jener Anquists aus der Uckermark, ist einem dunklen Familiengeheimnis auf der Spur, scheitert aber immer wieder an ihrer Mutter, die jedem Gespräch über die die Nazi-Herrschaft und die Zeit nach dem Krieg rigeros ausweicht und die Tochter mit Hilfe eines schlechtem Gewissens zum Aufgeben zwingen will. Erst Jahre später kommt das einstige Trümmerkind Hanno durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist:

Historischer Hintergrund:

Es ist ein authentischer Kriminalfall, der dem Roman zu Grunde liegt: die sogenannten Trümmermorde aus dem Jahr 1947. Vier Menschen sterben damals in Hamburg auf rätselhafte Weise, alle wurden an unterschiedlichen Fundorten entdeckt, alle sind erdrosselt worden und alle waren nackt, sodass man davon ausgehen kann, dass es sich um eine Mord-Serie gehandelt hat, und das die Täter dieselben waren. Erstaunlicherweise waren diese Menschen gut genährt,  – eine Frau hatte sogar lackierte Nägel und blondiertes Haar.

Fazit: Trümmerkind ist ein sauber recherchierter Kriminalfall Für ihren Roman hat Mechtild Borrmann mit Zeitzeugen gesprochen, Schauplätze besucht und in den Akten des Hamburger Staatsarchivs recherchiert. Historische Reportage und Detektivgeschichte verbinden sie hier gekonnt, besonders bei der Beschreibung einzelner Bildern, Situationen, Stimmungen zeigt die Autorin für mich ihre ganze Stärke und schafft es, dass man bewegt den Atmen anhält und immer weiter lesen muss, bis die ganze Geschichte um Hannos Herkunft endlich auf dem Tisch liegt. Dieser Roman ist großes Kino, ich habe mich vortrefflich unterhalten.

Rita Falk: Weißwurst-Connection

Rita Falk: Weißwurst-Connection

Deutscher Taschenbuchverlag

Preis: 15,90 €

Von Hotelbesitzerinnen in Nöten und Spezlwirtschaft……

Nieder Kaltenkirchen hat nach langem Hin und Her endlich ein schickes Hotel. Der Heimat-Winkel hat nicht nur die Stimmung im Dorf gespalten in Befürworter und Gegner, sondern auch seinem Besitzer einiges abverlangt. Der gute Mann hat leider das zeitliche gesegnet und die Witwe steht deshalb mächtig unter Druck was den wirtschaftlichen Erfolg angeht.

Eberhofers Spezln der Heizungsfuscher und der Metzger haben sich für ihre Geschäfte einiges mehr erwartet, aber man hat sich arrangiert. Der geplante Esoterik-Kongress sorgt das erste Mal für ein ausgebuchtes Haus, dumm nur, dass man kurz vorher die Leiche des Bauleiters in einer Hotelbadewanne findet. Frau Grenzbach, die Witwe das Hoteliers ist mit ihren Nerven am Ende und bittet ihre rechte Hand, Hr. Nüters, die Leiche diskret und vor allem unbemerkt von den esoterischen Gästen, abtransportieren zu lassen.

Stammleser werden sich wundern, aber Franz ist da die erste Wahl, wenn es um einen diskreten Komplizen für den Leichenabtransport geht. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut, denn eigentlich ist er ja als Dorf-Rambo bekannt. Natürlich vertraut er dabei auf alte Kumpane, die ihm schon immer in delikaten Angelegenheiten sehr nützlich waren. Der Richter Moratschek mit seiner Schnupftabak-Dosen, Günther, der Leichenfledderer und Rudi, ehemaliger Kollege und heute als Privatdetektiv tätig, erweisen sich dabei mal wieder mehr als nützlich. Rudi quartiert sich als Seminarteilnehmer im Hotel ein, um sich unerkannt dort mal umzuschauen. Seine Tarnung ist perfekt, rosa Jogging-Anzug und Klangschalen, verlangen dem Franz das äußerste an Toleranz ab.

Privat deutet sich auch eine Wende im Leben des Dorf-Scheriffs an, die Susi, sein Herzblatt, muss mit Paul dem gemeinsamen Sohn zeitnah  aus ihrer Wohnung ausziehen. Die Oma kann nicht nur kochen, sondern auch rechnen und schlägt deshalb vor gleich im Garten zu bauen. Aber bevor Franz sich mit seinem Oberschleimer-Bruder, Leopold, ein Doppelhaus teilt, muss einiges passieren und das tut es dann auch, inklusive der Tatsache, dass am Ende sogar der Papa wieder aus Spanien zurück ist.

Franz krieg endlich Dein Leben in den Griff!

Ich gestehe ich habe alle Eberhofer-Romane gelesen, 6 mal mit großem Genuss und immer mit einem Schmunzeln im Gesicht, beim letzten Mal habe ich durchgehalten und eine Formschwäche für die zähe Langeweile gehalten, gegen die ich angekämpft habe. Leider ist es nur kurz ein wenig besser geworden, es lag also nicht an der auserzählten Geschichte um den Papa. Franz ist das Problem – der lebt seit Jahren in einer On-Off Beziehung mit der Kindsmutter von Paul seinem Sohn und will sich offenbar nicht binden und hat dafür alle möglichen Ausreden parat. Diese Figur entwickelt sich nicht weiter und deshalb werden um ihn herum alle weiteren Protagonisten blass und die Lebendigkeit der Geschichte ist total erstarrt. Schade ich hatte hier endlich mal wieder auf köstliche Unterhaltung gehofft, Fehlanzeige. Es wäre schönen, wenn man Franz mal eine Auszeit gönnen würde, es hat keinen Sinn, sich alle zwei Jahre mit Ach und Krach eine müde Story auszudenken.

Fazit oder ich möchte es noch mal wissen – aber bitte erst zu Hause aufräumen Franz!

 Für mich diesmal nur 2 Sterne würdig, zu abgedroschen die Protagonisten, nichts Neues keine lebendige Entwicklung in Sicht, sondern immer wieder dasselbe, das halten auch die treuesten Lesern nicht auf Dauer aus. Ich glaube die Autorin sollte einfach dem Franz mal eine Pause gönnen oder wirklich radikal etwas an der Figur ändern. Nur Mut Frau Falk Menschen entwickeln sich weiter und auch Lesern ist es zuzumuten, dass der Franz auch mal neue Facetten zeigt. Ich wäre dabei und viele andere sicherlich auch, wenn sie dem Franz einfach ein bisschen Zeit gönnen, damit er sein Leben und seine Familie auf die Reihe kriegen kann und uns stattdessen mit anderen Geschichten überraschen. Wenn Franz dann als geläuterter Familienvater wieder aus dem Off-Kommt, werden wir ihn vermisst haben………

Das Erbe der Tuchvilla

Das Erbe der Tuchvilla von Anne Jacobs

Anne Jacobs: Das Erbe der Tuchvilla

Blanvalet Verlag

Preis: 9,99 €

In der Tuchvilla geht es aufwärts!

 Aufatmen in der Tuchvilla, Paul ist aus dem Krieg zurückgekehrt und übernimmt die Leitung der familieneigenen Tuchfabrik wieder von seiner kreativen und überaus tüchtigen Ehefrau Marie. Kitty die jüngste Schwester rät Paul, dass er Maries Selbständigkeit und Kreativität unterstützen sollte, schließlich hat sie den Betrieb mit Bravour und Einfallsreichtum durch Wirtschaftskrise und harte Zeiten geführt. Und das so, dass auch der eigensinnige Schwiegervater, Johann Melzer, der inzwischen verstorben ist, ihr großen Respekt dafür zollte. Paul nimmt sich den Rat der Schwester zu Herzen und richtet seiner Frau ein eigenes Modeatelier ein, mit dem Marie schnell Furore bei Augsburgs Damenwelt macht.

Die Frauen der Familie wissen was sie wollen!

 Kitty, die junge exaltierte und künstlerisch veranlagte Schwester hat weniger Glück gehabt, ihr Mann, Alfons, ist gefallen. Die junge lebensfrohe Frau trägt schwer an diesem Verlust, auch wenn die Ehe sich zu Beginn wie eine Notlösung angeboten, hat, ist die verwöhnte Jüngste der Melzer-Kinder über diesen jähen Verlust am Boden zerstört. Kitty zieht deshalb vorerst mit ihrer Tochter Henriette, auch genannt Henny, die ihr unglaublich ähnlich ist, zurück in die Tuchvilla. Mama Melzer ist sehr glücklich darüber, nach dem Tod des Patriarchen und Familienvaters ist es ihr noch wichtiger geworden, all ihre Lieben wieder um sich zu haben. Besonders die Kinder im Haus, dazu gehören neben Henny auch Leo und Dodo die Zwillinge von Paul und Marie, tun ihr gut. Allerdings sieht sie Maries Berufstätigkeit und die Erfolge ihres Modeateliers mit gemischten Gefühlen. Für Alicia steht eine Ehefrau und Mutter in erster Linie dem Haushalt vor und kümmert sich um den Nachwuchs und deshalb überredet sie Paul, eine Gouvernante für die Kinder zu engagieren.

Die böse Gouvernante sorgt für jede Menge Streit innerhalb der Familie

Elisabeth, die mit ihrem kriegsversehrten Mann Klaus und dessen Eltern das Gut von Alicias Familie in Pommern bewirtschaftet und sich zu einen ganz anderen wenig standesgemäßen Mann hingezogen fühlt, empfiehlt eine gute aber verarmte adelige Freundin. Frau von Dobern gewinnt schnell das Vertrauen von Alicia Mälzer, hat aber wenig Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Kindern. Sie ist streng, sehr auf überalterte Konventionen bedacht und interessiert sich überhaupt nicht für das Glück der Kinder. Paul muss ständig zwischen den jungen Frauen der Familie und der Mutter schlichten, bis es zum Eklat kommt Kitty, Marie und die Kinder verlassen die Tuchvilla.

Jede Menge Probleme und spannende Zeiten

 Anne Jacobs ist es auf sehr unterhaltsame Weise gelungen uns am Schicksal der Familie Melzer während der „goldenen Zwanziger“, eine spannende, aber auch fragile Zeit, Aufbruch in Kunst und Wissenschaft, ein neues Frauenbild, erste demokratische Versuche – aber auch Inflation, Arbeitslosigkeit und letztlich der Ruf nach dem „starken Mann“, teilhaben zu lassen. Besonders Paul ist dieses Mal sehr gefordert, eine Ehe wird auseinandergerissen, Kinder stehen dazwischen, ein Paar, das sich eigentlich sehr zugetan ist, gerät in eine tiefe Krise. „Mensch Paul, möchte man ihm zurufen, wach auf“, Du liebst doch Deine schöne junge Frau und hast so um diese Liebe gekämpft….

Fazit: Anne Jacobs ist mit „Das Erbe der Tuchvilla“ ein sehr kurzweiliger und unterhaltsamer historischer Roman aus der Zeit des 20. Jahrhunderts gelungen. Aufgrund der lebendigen Protagonisten gelingt ein sehr schöner Einblick in das Leben der Fabrikantenfamilie Mälzer, der mir sehr gut gefallen hat, weil er neben authentischen Figuren auch die Geschichte der vergangenen Zeit wieder aufleben lässt. Alle Liebhaber von Familiengeschichten werden mit der Tuchvilla-Trilogie ihre Freude haben, der Roman garantiert jede Menge vergnügliche Stunden! Ich empfehle aber, alle Bände der Reihe chronologisch zu lesen, um dem Familienleben und allen Akteuren folgen zu können. Ich freue mich auf eine Fortsetzung, liebe Anne Jacobs und hoffe, Sie sind schon dran und lassen uns nicht zu lange darauf warten!

Theresa Simon: Die Holunderschwestern

Die Holunderschwestern von Teresa Simon

Theresa Simon: Die Holunderschwestern

Blanvalet Verlag

Preis: 9,99 €

Zwei Frauen –zwei Geschichten – eine Familie…….

München 1918: Die junge Fanny hat ihre Mutter verloren und sehnt sich danach, der Enge der Familie und ihrer Heimat der (Oberpfalz) zu entfliehen. Das Schicksal kommt der jungen Frau gelegen, ein Bruder hat schon sein Glück in München gemacht und vermittelt Fanny eine Anstellung bei einer Schneiderin. Franzi, die sensible Zwillingsschwester bleibt leider zurück. Im Zug nach München lernt die aufregte und ein wenig eingeschüchterte Fanny eine jüdische Familie kennen und freundet sich mit deren Kindern an.

München 2015: Katharina Raith ist Mitte 30 und hat sich mit ihrer besten Freundin und Partnerin, Isi, gerade mit einer eigenen Werkstatt zum Restaurieren von alten Möbeln selbständig gemacht. Das Geschäft fängt langsam zu laufen und Katharina hat sich in ihrem Leben eingerichtet, sie ist zufrieden, auch wenn die große Liebe ihr noch nicht begegnet ist.

Eines Tages steht überraschend ein überaus charmanter und gutaussehender Engländer vor ihrer Tür und überreicht ihr die Tagebücher ihrer Urgroßmutter.

Viel Zeitgeschichte, sympathisches Protagonistinnen und die böse Eifersucht….

Katharina ist verwirrt, aber auch gespannt, als sie anfängt in diesen Kladden zu lesen, stellt sie fest, in ihrer Familie gab es viele Geheimnisse: Die Geschichte ihrer Urgroßmutter Fanny, die in den bewegten 20iger Jahren einer jüdischen Familie in München den Haushalt führte und alle mit ihrem Holunderkompott verwöhnte zieht sie ganz in seinen Bann. Katharina will mehr wissen, nicht nur über die überaus herzliche und sympathische Fanny, die mutig ihre Chance ergriff, sondern auch über die schöne und zarte Alina, die Tochter des Hauses, deren Glück durch die Repressalien der sich ankündigenden Nazi-Herrschaft bedroht wird. Alina und Fanny sind sich sehr herzlich zugetan und echte Freundinnen geworden. Besonders Fanny ist bereit, mit der Schwester im Herzen durch dick und dünn zu gehen, was Fritzi die Zwillingsschwester Fannys, die inzwischen auch in München eine Anstellung gefunden hat, sehr eifersüchtig werden lässt. Alle drei erleben den Aufbruch und die Schrecken dieser später sehr düsteren Zeit hautnah mit und ihr Schicksal ist auf tragische und sehr spannende Weise miteinander verwoben. Das macht die Geschichte ungeheuer anziehend, besonders mit Fanny habe ich mich sehr identifizieren können, weil sie tapfer und tatkräftig ihr Schicksal annimmt und immer versucht, das Beste daraus zu machen. Meistens ist sie ruhig und zurückhaltend, aber wenn es darauf ankommt, schafft sie es auch, vermeintlich stärkeren Gegner die Stirn zu bieten. Mir hat das sehr gut gefallen, dass diese Figur ihre Ängste überwindet und sich nicht in die passive Opferrolle hineindrängen lässt, Fanny ist für ihre Zeit mindestens ebenso selbstbestimmt wie Katharina, die viele Jahrzehnte später nicht nur den Geheimnissen ihrer Familie auf die Spur kommt, sondern auch selbst ganz unverhofft ihr Glück findet.

Fazit: Teresa Simon hat diese Familiensaga sehr fesselnd und spannend erzählt. Von der ersten Seite an war ich mitten im Geschehen und ungeheuer gespannt darauf, ob am Ende der Geschichte wohl alle Familiengeheimnisse, die in der Story so nach und nach ans Licht kommen, aufgedeckt werden können. Mit Fanny habe ich mitgelitten und gehofft, dass sie sich ihr Glück nicht zerstören lässt und mich auch an ihren Geheim-Rezepten erfreut, für die sie sogar von der Familie des Malers Paul Klee engagiert wurde. Der historische Background wurde stimmig recherchiert und die Jahre der Münchner-Räterepublik und deren späteres Scheitern fesselnd in die Geschichte eingebaut. Das hat mir sehr gut gefallen! Die zweite Ebene mit der Urenkelin Katharina ist zwar in der Geschichte ein wenig blasser ausgearbeitet, aber auch bei Katharina habe ich mich am Ende mit ihr gefreut, dass sie ihr Glück gefunden hat. Mich hat aber besonders das Schicksal von Fanny gar nicht mehr los gelassen und ich habe das Buch sehr schnell zu Ende gelesen, weil ich einfach wissen musste, wie es mit ihr weitergeht. Ein tolles Buch für alle die Familiengeschichten mit historischem Kontext mögen und auch zu einer Herz-Schmerz-Liebesgeschichte mit Happy End nicht nein sagen. Perfekte Lektüre, um das Wochenende auf der Couch zu verbringen!