Theresa Simon: Die Holunderschwestern

Die Holunderschwestern von Teresa Simon

Theresa Simon: Die Holunderschwestern

Blanvalet Verlag

Preis: 9,99 €

Zwei Frauen –zwei Geschichten – eine Familie…….

München 1918: Die junge Fanny hat ihre Mutter verloren und sehnt sich danach, der Enge der Familie und ihrer Heimat der (Oberpfalz) zu entfliehen. Das Schicksal kommt der jungen Frau gelegen, ein Bruder hat schon sein Glück in München gemacht und vermittelt Fanny eine Anstellung bei einer Schneiderin. Franzi, die sensible Zwillingsschwester bleibt leider zurück. Im Zug nach München lernt die aufregte und ein wenig eingeschüchterte Fanny eine jüdische Familie kennen und freundet sich mit deren Kindern an.

München 2015: Katharina Raith ist Mitte 30 und hat sich mit ihrer besten Freundin und Partnerin, Isi, gerade mit einer eigenen Werkstatt zum Restaurieren von alten Möbeln selbständig gemacht. Das Geschäft fängt langsam zu laufen und Katharina hat sich in ihrem Leben eingerichtet, sie ist zufrieden, auch wenn die große Liebe ihr noch nicht begegnet ist.

Eines Tages steht überraschend ein überaus charmanter und gutaussehender Engländer vor ihrer Tür und überreicht ihr die Tagebücher ihrer Urgroßmutter.

Viel Zeitgeschichte, sympathisches Protagonistinnen und die böse Eifersucht….

Katharina ist verwirrt, aber auch gespannt, als sie anfängt in diesen Kladden zu lesen, stellt sie fest, in ihrer Familie gab es viele Geheimnisse: Die Geschichte ihrer Urgroßmutter Fanny, die in den bewegten 20iger Jahren einer jüdischen Familie in München den Haushalt führte und alle mit ihrem Holunderkompott verwöhnte zieht sie ganz in seinen Bann. Katharina will mehr wissen, nicht nur über die überaus herzliche und sympathische Fanny, die mutig ihre Chance ergriff, sondern auch über die schöne und zarte Alina, die Tochter des Hauses, deren Glück durch die Repressalien der sich ankündigenden Nazi-Herrschaft bedroht wird. Alina und Fanny sind sich sehr herzlich zugetan und echte Freundinnen geworden. Besonders Fanny ist bereit, mit der Schwester im Herzen durch dick und dünn zu gehen, was Fritzi die Zwillingsschwester Fannys, die inzwischen auch in München eine Anstellung gefunden hat, sehr eifersüchtig werden lässt. Alle drei erleben den Aufbruch und die Schrecken dieser später sehr düsteren Zeit hautnah mit und ihr Schicksal ist auf tragische und sehr spannende Weise miteinander verwoben. Das macht die Geschichte ungeheuer anziehend, besonders mit Fanny habe ich mich sehr identifizieren können, weil sie tapfer und tatkräftig ihr Schicksal annimmt und immer versucht, das Beste daraus zu machen. Meistens ist sie ruhig und zurückhaltend, aber wenn es darauf ankommt, schafft sie es auch, vermeintlich stärkeren Gegner die Stirn zu bieten. Mir hat das sehr gut gefallen, dass diese Figur ihre Ängste überwindet und sich nicht in die passive Opferrolle hineindrängen lässt, Fanny ist für ihre Zeit mindestens ebenso selbstbestimmt wie Katharina, die viele Jahrzehnte später nicht nur den Geheimnissen ihrer Familie auf die Spur kommt, sondern auch selbst ganz unverhofft ihr Glück findet.

Fazit: Teresa Simon hat diese Familiensaga sehr fesselnd und spannend erzählt. Von der ersten Seite an war ich mitten im Geschehen und ungeheuer gespannt darauf, ob am Ende der Geschichte wohl alle Familiengeheimnisse, die in der Story so nach und nach ans Licht kommen, aufgedeckt werden können. Mit Fanny habe ich mitgelitten und gehofft, dass sie sich ihr Glück nicht zerstören lässt und mich auch an ihren Geheim-Rezepten erfreut, für die sie sogar von der Familie des Malers Paul Klee engagiert wurde. Der historische Background wurde stimmig recherchiert und die Jahre der Münchner-Räterepublik und deren späteres Scheitern fesselnd in die Geschichte eingebaut. Das hat mir sehr gut gefallen! Die zweite Ebene mit der Urenkelin Katharina ist zwar in der Geschichte ein wenig blasser ausgearbeitet, aber auch bei Katharina habe ich mich am Ende mit ihr gefreut, dass sie ihr Glück gefunden hat. Mich hat aber besonders das Schicksal von Fanny gar nicht mehr los gelassen und ich habe das Buch sehr schnell zu Ende gelesen, weil ich einfach wissen musste, wie es mit ihr weitergeht. Ein tolles Buch für alle die Familiengeschichten mit historischem Kontext mögen und auch zu einer Herz-Schmerz-Liebesgeschichte mit Happy End nicht nein sagen. Perfekte Lektüre, um das Wochenende auf der Couch zu verbringen!

Iona Grey: Als unsere Herzen fliegen lernten

Iona Grey: Als unsere Herzen fliegen lernten

Blanvalet Verlag

Preis: 9,99 €

Es lohnt sich zu kämpfen, am Ende ist es das, was wir am meisten bereuen…..

Es lohnt sich zu kämpfen, am Ende ist es das, was wir am meisten bereuen…..

Worum geht es?

1943: London: In der Ruine einer zerbombten Kirche trifft der amerikanische Pilot Dan Rosinski die junge Engländerin Stella Thorne. Es ist der Beginn einer unausweichlichen, aber unmöglichen Liebe, denn Stella ist verheiratet, und Dans Chancen als Bomberpilot, den Krieg zu überleben, sind mehr als gering. In einer Zeit, in der die Menschen jeden Tag nicht wissen, wie es morgen weitergeht und ob es weitergeht, schreiben sie sich Briefe, um an dem festzuhalten, woran sie glauben: ihre Liebe. Für beide ist das ein Rettungsanker, denn Dan sieht jeden Tag dem Tod ins Auge und Stella steckt in einer lieblosen Ehe fest, ohne Aussicht darauf, jemals so geliebt zu werden, wie sie es sich gewünscht und für ihr Leben erträumt hat.

2011: Viele Jahrzehnte später rettet sich eine junge Frau (Jess) vor ihrem gewalttätigen Freund in ein leerstehendes Haus in einem Londoner Vorort. Da erreicht sie ein Brief, der sie mitten in die Geschichte einer unerfüllten Liebe hineinzieht, die ein halbes Jahrhundert überlebt hat …

Zwei Frauen ein Schicksal…..

Iona Grey präsentiert zwei Frauen mit demselben Schicksal, eine -Stella- wird durch gesellschaftliche Zwänge gezwungen, auf ihr Glück zu verzichten, der anderen –Jess- gelingt es, ihrem Leben mit der Hilfe eines jungen Mannes eine andere Richtung zu geben. Und doch ist es die Geschichte von Stella, die mich mehr fesseln konnte. Stella und Dans Geschichte ist herzerweichend: man spürt ihre Ängste, das sich aufbäumen gegen die Konventionen dieser Zeit, erlebt ihr scheitern an den Zwängen der gesellschaftlichen Umstände und am Ende sowas wie fast ein Happy End. Die junge Jess bleibt für meinen Geschmack blass und bietet kaum Projektionsfläche, weil so vieles bei ihr im ungefähren bleibt, sie ist fast wie eine Requisite, die allein dazu da ist, die Konturen und das Leid der anderen noch zu schärfen. Das ist ein geschickter dramaturgischer Schachzug, wenn es einer Autorin darum geht, den Blick des Lesers darauf zu lenken, dass wir heute so viel mehr Möglichkeiten haben, unser eigenes persönliches Glück zu finden und zu leben. Niemand muss sich mehr verstecken wegen seiner sexuellen Orientierung und Frauen nehmen sich das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und persönliche Entfaltung. Außerdem haben wir vor allem die Chance, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu leben. Das ist viel mehr als sich junge Frauen in den vierziger erträumen konnten…..

Fazit: Die Rechnung der Autorin ist aufgegangen der Kontrast dieser Frauen, die ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Zwängen unterworfen sind, lässt mich nicht unberührt zurück, wie sehr wünscht man sich, dass Stella und Dan ihre Liebe endlich Leben können. Das Buch ist spannend und herzergreifend, obwohl die Figur der jungen Frau blass bleibt, hier wäre sicherlich mehr möglich gewesen. Trotzdem fand ich den Roman anrührend und mitreißend, auch wenn jede Menge Kitsch mit im Spiel ist und musste hier immer weiter lesen. Ein gutes Buch, um einen verregneten Tag im Bett zu verbummeln. Wer nah am Wasser gebaut hat, wird vielleicht auch ein paar Tempos benötigen.

Luca D’Andrea: Der Tod so kalt

Der Tod so kalt von Luca DAndrea

Luca D’Andrea: Der Tod so kalt

DVA

14,99 €

Ein Fremder besessen von der Suche nach der Wahrheit!

Es fängt harmlos an

Jeremiah Salinger, erfolgreicher Dokumentarfilmer aus New York, ist seiner Frau Anneliese zu liebe mit ihr und der sehr aufgeweckten 5 jährigen Tochter Clara in deren Heimat Südtirol zurückgekehrt und will sich dort eine einjährige Auszeit gönnen. Werner, der inzwischen verwitwete Schwiegervater wohnt auch in Siebenhoch und hat als junger Kerl mit Freunden die Bergrettung der Region gegründet, deren großer Stolz der eigene rote Rettungshubschrauber ist. Salinger so nennen ihn nicht nur Anneliese seine Frau, sondern alle die ihn mögen ist fasziniert, das ist doch direkt wieder eine Story für ihn und seinen Kumpel Mike. Salinger ist für die Recherche und das Drehbuch zuständig, Mike kümmert sich um das andere.

Das Unglück nimmt seinen Lauf – oder die Stimme der Bestie

Ein normaler Rettungseinsatz, bei dem eine Touristin aus einer Gletscherspalte auf dem Ortler gerettet werden soll scheint zunächst wie das ganz normale Alltagsgeschäft auszusehen, aber es ist warm, zu warm, Ismael, der tollkühne Hubschrauberpilot will nicht landen und seilt nur den Kollegen ab, um die verunglückte Touristin und Manny mit der Winde wieder hochzuziehen. Doch dann kündigt das herannahende Grollen, eine Lawine an und schnappt sich Manny. Die Crew wird das Seil nicht kappen, in den Bergen wird niemand zurückgelassen…..

Am Ende gibt es fünf Tote, Salinger hat als einziger überlebt, total traumatisiert durch den Tod der Kameraden versucht er mit professioneller Hilfe zurück in die Normalität zu kommen. Keine Nacht mehr ohne Alpträume, in der ihn die Stimme der weißen Bestie immer wieder heimsucht. Zusätzlich kämpft er mit Schuldgefühlen und auch die störrischen und eigenbrötlerischen Siebenhochler sind nicht alle immer verständnisvoll und sparen mit Vorwürfen, die hinter Salingers Rücken die Runde machen, nicht.

Ein kluges Kind, eine geheimnisvolle Schlucht und 3 Morde, die lange zurück liegen….

Clara, die Tochter spürt, dass es ihrem Papa sehr schlecht geht, sie ist ein überaus aufgewecktes und lebenskluges kleines Mädchen, auch wenn sie erst fünf Jahre ist. Sie überredet Salinger zu einem Ausflug in die Bletterbach-Schlucht, einem Jahrtausende alten prähistorischen Zoo. Auf der Fahrt dorthin, Clara mit ihren blonden Zöpfen und pastelfarbenen Wanderschuhen neben sich, hat Jeremiah das erste Mal seit langem das Gefühl, es wird wieder gut werden.

Sowohl Vater als auch Tochter sind fasziniert vom Bletterbach, aber die Schlucht hat seit vielen Jahren ein grausames Geheimnis: 1985. Tagelang wütet ein gewaltiges Gewitter über der Bletterbach-Schlucht. Drei junge Einheimische aus dem nahegelegenen Siebenhoch kehren von einer Wanderung nicht zurück – schließlich findet ein Suchtrupp ihre Leichen, aufs brutalste entstellt. Den Täter vermutet man im Bekanntenkreis, doch das Dorf hüllt sich in eisiges Schweigen. Salinger stellt Fragen, aber fast alle im Dorf schweigen. Er ist wie besessen davon, die Morde aufzuklären und gerät immer tiefer in die Sache hinein, weil es für ihn eine Möglichkeit ist, das eigene Trauma zu vergessen.

Wer ist der Autor?

Luca D’Andrea wurde 1979 in Bozen geboren, wo er heute noch lebt. „Der Tod so kalt“ ist sein erster Roman. Direkt zu Erscheinen stieg das Buch in die Top Ten der italienischen Bestsellerliste ein; die Übersetzungsrechte haben sich in rund 35 Länder verkauft. Er ist Lehrer und selbst Dokumentarfilmer, am bekanntesten ist seine TV-Produktion „Mountain Heroes“, in der er für das italienische Fernsehen die Bergrettung porträtierte.

Fazit: Das Buch ist ungeheuer spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Die Kapitel sind sehr kurz, fast wie eine Filmszene und der Autor springt von einem Eindruck zum nächsten. Da musste ich dran bleiben und habe das Buch an einem Tag durchgelesen. Die Charaktere werden authentisch und sympathisch geschildert, ich konnte mich gut mit ihnen identifizieren und das hat dafür gesorgt, dass ich immer weiter lesen wollte. Der Roman hat Tempo, das Ende kommt unerwartet und überraschend. Auch ein Augenzwinkern bleibt bei mir zurück, Jurassic-Park lässt grüßen, vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen, mir hat das Buch dennoch sehr gut gefallen, ich fand den Roman ungeheuer spannend, obwohl ich keine ausgewiesene Thriller-Liebhaberin bin.

Anne Jacobs: Die Töchter der Tuchvilla

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Anne Jacobs: Die Töchter der Tuchvilla

Blanvalet Verlag

Preis: 9,99 €

Es geht weiter, in der Tuchvilla, spielt die jüngere Generation jetzt die erste Geige!

Hier handelt es sich um den zweiten Band einer Triologie. Den ersten Band Die Tuchvilla habe ich bereits vor einigen Monaten gelesen. Hier habe ich mich auch gut unterhalten, doch hat mich der Folgeband noch mehr in seinen Bann gezogen.

Hintergrund:

Paul und Marie, das ungewöhnliche Liebespaar (Erbe verliebt sich in ein Küchenmädchen mit besonderem Bezug zum Firmengründer) müssen sich trennen, der erste Welt-Krieg ist ausgebrochen und Paul, wie alle anderen jungen Männer der Familie, muss an die Front. Ihnen bleiben nur Briefe und leidenschaftliche Erinnerungen, sie sind gerade kurz vorher Eltern von Zwillingen geworden, und hoffen vor allem auf ein baldiges Wiedersehen.

Die Villa der Familie Melzer wird trotz Widerstand des Familienoberhauptes und Patriarchen in ein Lazarett verwandelt, wo nicht nur Mutter und Hausdame, sondern auch Pauls Schwester Elisabeth eine Aufgabe findet und ihren penetranten und sehr fordernden adligen aber verarmten Schwiegereltern entfliehen kann. Diese haben sich nämlich bei Elisabeth einquartiert und dreist die ganze Wohnung von Elisabeth und ihrem Mann, Klaus von Hagemann, in Beschlag genommen.

Elisabeths Ehe, um die sie gekämpft hat wie eine Löwin, steht ohnehin unter großem Druck, die Sehnsucht nach einem Kind wächst und zu allem Übel muss sie noch erkennen, dass ihr Mann Klaus nicht der von ihr idealisierte Partner ist.

Protagonisten, die entdecken, was sie wollen und dafür auch kämpfen!

Es gibt sehr viele interessante Entwicklungen in der Fortsetzung und die jungen Menschen in der Geschichte haben sich weiterentwickelt und präsentieren sich in einem ganz anderen Licht. Marie erweist sich als starke Frau, die das Erbe ihres Vaters (ehemals Kompagnon von Pauls Vater und genialer Konstrukteur), fortführen möchte und nicht nur Mutter und Ehefrau sein will.

Elisabeth (Pauls anfangs sehr standesbewusste Schwester) wird mutiger, selbstbewusster, rebelliert gegen ihre Schwiegereltern und findet im Lazarett eine echte Aufgabe und verabschiedet sich mit Unterstützung der Liebe von allen ihren Standesdünkeln. Kitty, Pauls exaltierte Schwester, reift von einer nervigen egozentrischen Person durch Liebe und Verlust zur erwachsenen Frau. Besonders anrührend sind aber die Geschichten von Humbert (Hausdiener in der Tuchvilla) und Hanna (Küchenmädchen), die der Krieg und die Liebe vor große Herausforderungen und Schicksalsschläge stellen.

Fazit:

Anne Jacobs hat es geschafft, die Schrecken des ersten Welt-Krieges in eine Geschichte einfließen zu lassen und die Sorgen und Nöte aller, Herrschaft und Personal, unterhaltsam und mitreißend in eine spannende Geschichte zu verpacken. Der Roman lebt durch die persönliche Identifikation von Lesern und Protagonisten, mir hat das Buch sehr gut gefallen!

Wer schreibt und wie geht es weiter?

Anne Jacobs veröffentlichte bereits unter anderem Namen historische Romane. Ihr Schreibstil ist mitreißend, spannend und sehr unterhaltsam. Die über 700 Seiten haben mich beim Lesen total gefesselt, jetzt muss ich unbedingt wissen wie es weiter geht.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Flut

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Ein Kommissar als Reiseführer – nebenbei werden zwischendurch auch noch 2 Morde aufgeklärt!

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Flut

KiWi-Paperback
ISBN: 978-3-462-04937-4
Erschienen am: 28.06.2016
448 Seiten, Klappenbroschur
Kommissar Dupin ermittelt
Bandnummer 5

Ohne Kaffee läuft es nicht rund!

Kommissar Dupin hat es aber wirklich nicht leicht, um 04:49 Uhr ereilt ihn ein Anruf, dass in der Fisch-Auktionshalle in Douarnenez eine weibliche Leiche in einem Abfallcontainer mit Fischabfällen gefunden wurde. Die junge Fischerin von der Île de Sein wurde regelrecht abgeschlachtet und auch die Fundstelle zwischen stinkenden Fischabfällen, ist eine echte Herausforderung! Zu allem Übel noch ohne einen Kaffee und auf nüchternen Magen ein echter Stimmungsdämpfer, denn Dupin ohne Kaffee, das geht gar nicht! Entsprechend chaotisch und hektisch laufen die Ermittlungen an, weil weit und breit kein Motiv in Sicht ist und der Ermittler entweder auf eine Wand des Schweigens trifft, wie bei der nicht besonders kooperativen Hafenchefin Madame Gochat oder auf viele Gerüchte stößt, die sich um den Patron der Fischer von Douarnenez ranken, mit dem sich die junge und engagierte Frau angelegt hatte.

Den Gewalten des Meeres und bretonischen Legenden ausgeliefert!

Wenig später erreicht Dupin die Meldung, dass auf Île de Sein eine weitere Fraueneiche gefunden wurde. Dupins Laune bessert sich nicht, da er nun auch noch gezwungen ist, gemeinsam mit Inspektor Riwal auf die Insel überzusetzen. Denn dem Kommissar, einem großen Bewunderer des gewaltigen Atlantiks, wird nicht selten flau im Magen, wenn er diesen Gewalten direkt ausgesetzt wird und das Meer nicht vom sicheren Festland huldigen kann. Die Insulaner entpuppen sich zudem als waschechte Bretonen, genährt von Aberglauben und Legenden, herrscht auf Sein eine ganz besondere Atmosphäre der Dupin sich nur schwer entziehen kann. Sein Assistent, Riwal, profunder Kenner der bretonischen Geschichte und Mystik, lässt keine Gelegenheit ungenutzt, sein Wissen mitzuteilen und trägt damit einen entscheidenden Teil dazu bei, dem Fall eine rätselhafte und okkulte Stimmung zu verleihen und seinem nüchternem Chef damit gehörig auf die Nerven zu gehen. Aber Riwal macht sich Sorgen um Dupin, den ein schlechtes Omen auf Sein ereilt.

Viele Spuren, aber weder ein braubares Motiv noch ein Täter in Sicht!

Beide Frauen haben auf der Île de Sein gelebt und obwohl sie einander kannten und gemeinsam beim Fischen gesehen wurden, lässt sich trotz des großen Engagements des Kommissars keine brauchbare Erklärung zu Täter und Motiv finden. Unter Hochdruck ermittelt der Kommissar im äußersten Westen der Bretagne und es stellen sich viele Fragen: Werden die alten Schmugglerrouten auf dem Atlantik wieder befahren? Gibt es Beweise für illegale Aktivitäten im Parc Iroise, dem einzigartigen maritimen Naturschutzgebiet, wo Delfine und Wale zu Hause sind? Und was ist von den Mythen des Meeres zu halten, von denen die stolzen Insulaner erzählen?

Ein weiter Mord bringt Dynamik und ein fulminantes und rätselhaftes Ende!

Als es zu einem dritten Mord kommt, wird der Fall zunehmend rätselhafter. Da Dupin und sein Team auf der Suche nach einem Tatmotiv nicht weiterkommen, konzentrieren sich diese darauf, dass enge Zeitfenster in dem die Taten verübt wurden zum Ermittlungs-Fokus zu machen. Dies reduziert zwar die Anzahl der möglichen Täter erheblich, bringt Dupin und sein Team aber keinen entscheidenden Schritt weiter. Die Ermittlungsarbeiten werden zu einem ständigem Hin- und Her zwischen Insel und Festland und enden schließlich in einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd. Trotz der Überführung des Täters wird der Fall nicht vollständig aufgeklärt und Dupin wird selbst Opfer der bretonischen Mythen und Legenden und muss akzeptieren, dass sich in der Bretagne nicht immer alles rational erklären lässt.

Fazit:

Eindrucksvolle Landschaftsbeschreibungen mit kulinarischen Highlights konkurrieren mit dem Kriminalfall und lassen ihn nur die zweite Geige spielen. Für echte Krimiliebhaber, die nicht schon Fans von dem schrulligen Dupin und seinen Helfern sind, sicherlich nicht der richtige Band, um diese für die Dupin-Krimis zu begeistern, für Bretagne-Fans ein interessanter Reise- und Geschichtsführer und für die Fans des Kommissars – wie mich – natürlich  mal wieder eine nette Begegnung, auch wenn wir mit Dupin schon bessere Zeiten erlebt haben. Mir hat es trotzdem gut gefallen und ich habe mich gefreut mal wieder vergnügliche Stunden mit Dupin und seinem Team zu verbringen, das spart mir den Urlaub in der wunderschönen Bretagne und ist ebenso erholsam und unterhaltsam für mich!

 

Charlotte Link: Die Entscheidung

Die Entscheidung von Charlotte Link

Die Entscheidung von Charlotte Link

Charlotte Link: Die Entscheidung

Blanvalet Verlag

22,99 €

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-7645-0441-0

Erschienen: 05.09.2016

Eine falsche Entscheidung und das Schicksal nimmt seinen Lauf….

 Eine Geschichte auf mehreren Ebenen

Simon, 40, geschieden ist ein sogenannter „Gutmensch“ Die Exfrau ist längst anderweitig verbandelt und doch wenn diese kurzfristig die gemeinsamen Kinder loswerden will, Simon ist immer da, stets hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe und bloß keine Konflikte eingehen. Seine neue Freundin, Kristina, eine selbstbewusste und erfolgreiche Frau nervt das gewaltig, Kristina möchte nämlich, dass Simon sich endlich zu ihr bekennt, daraus wird allerdings erstmal nichts, denn dieser fürchtet, die Kinder zu verunsichern. Seine Ex-Frau hat diesmal zu Weihnachten aber andere Pläne und so fällt der Weihnachts-Urlaub, im Ferienhaus von Simons gestrengem Vater in der Provence, mit den Kindern ins Wasser, denn die haben urplötzlich keine Lust dazu. Auch Kristina, die Neue, hat so langsam die Nase voll und möchte nicht nur Lückenbüßerin sein.

Schließlich muss Simon allein fahren und bei einem einsamen Strandspaziergang wird er, Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen einer jungen, völlig abgemagerten und abgerissenen Frau und den Hausmeistern einer Ferien-Appartement-Anlage, die diese nach einem Einbruch auf frischer Tat ertappt haben. Simon tut Nathalie einfach leid, es regnet in Strömen und das Mädel sieht aus, als wenn es schon lange nichts richtiges mehr zu essen bekommen hat, deshalb entschließt Simon sich kurzerhand und sehr spontan, Nathalie auszulösen und diese für eine Nacht auch bei sich übernachten zu lassen.

In Sofia fällt zu gleichen Zeit Selina auf die Versprechungen eines jungen Mannes herein, der ihr schmeichelt und in Aussicht stellt, dass sie mit ihrem Aussehen, sehr schnell viel Geld als Fotomodell in Rom verdienen kann……

Es muss nicht immer England sein…..

Bislang habe ich fast jeden Krimi von Charlotte Link gelesen, England als Handlungsort ihrer Romane fand ich eigentlich immer sehr passend für die Story gewählt. „Die Entscheidung“ ist allerdings der dritte Roman von ihr, der nicht in England, sondern in Frankreich spielt. Die Provence als Schauplatz hat aber gar nichts mit dem Ort zu tun, der uns in Urlaubsprospekten mit strahlend blauem Himmel, ebenso blauem Meer und noch blaueren Lavendelfeldern als Sehnsuchtsort verkauft wird. Kurz vor Weihnachten präsentiert sich das Urlaubsparadies verregnet, trostlos, neblig, ohne Licht und ohne Farben, ganz schön düster und manchmal sehr bedrückend.

Außerdem gibt es einen sehr aktuellen Zeitbezug, der Roman spielt kurze Zeit, nach den Anschlägen, die im vergangenen November Paris und ganz Frankreich erschüttert haben. Die Autorin beweist hier sehr viel Fingerspitzengefühl, weil es ihr gelingt, diese verstörende Stimmung, die das ganze Land lähmte, geschickt und authentisch in ihre Handlung einfließen zu lassen. Auch das trostlose Leben ohne echte Chancen und Perspektiven in der bulgarischen Hauptstadt, kann sie einfühlsam und ohne Klischees transportieren.

Normalität und Verbrechen, sind nicht weit entfernt, wenn man einmal falschen abgebogen ist….

Alle Protagonisten sind keine Gewinnertypen, da ist Simon der schlecht nein sagen kann, sich immer wieder fragt, was die Ex-Frau, die Kinder oder der fordernde Vater von ihm denken, wenn er das eine tut oder das andere unterlässt und dabei eigentlich immer selbst auf der Strecke bleibt. Außerdem Nathalie, eine junge Frau aus einer zerrütteten Familie mit einer alkoholkranken Mutter, hält ihr Leben nur aus, weil sie sich aus diesem Chaos in die Magersucht flüchtet. Erst ihr Freund, Jerome, den sie über alles liebt und für den sie alles tun würde, schafft es, dass sie langsam wieder Hoffnung schöpft….

Spannend bis zum Schluss!

Die unterschiedlichen Perspektiven und Handlungsstränge sind am Anfang erstmal ein wenig ungewöhnlich machen das Buch aber so spannend, wie ich es eigentlich noch nie bei Charlotte Link erlebt habe. Alles verdichtet sich, die Dinge und Menschen, von denen man am Anfang geglaubt hat, das hat nichts miteinander zu tun, bekommen unter dem Druck der Ereignisse nicht nur Risse, sondern es wird klar, dass es alles andere als Zufall war, dass sie Täter oder Opfer oder ein Teil des Geschehens wurden. Es gibt immer wieder Indizien, dass hier etwas nicht stimmt, jeder angedeutete Hinweis löste in mir den Wunsch aus, der Sache schnell auf den Grund zu gehen und ich habe das Buch nahezu in einem Tag zu Ende gelesen.

Fazit: Für mich ein ungeheuer spannendes Buch und der beste Krimi, den ich von Charlotte Link bisher gelesen habe. Ihre Gangart ist ein wenig härter und kompromissloser geworden, sie ist in diesem Roman endlich beim Krimi angekommen, ohne dass sie ihre bisherigen Leserinnen verschreckt oder enttäuscht, den die Akteure sind Menschen wie Sie und ich und man kann sich wunderbar mit ihnen identifizieren. Man möchte unbedingt wissen, wie es weiter geht mit Simon, ob er es endlich schafft, mal nicht nett zu sein und stattdessen an sich zu denken oder ob Nathalie sich traut, genau hin zu sehen. Der Autorin, ist hier ein sehr spannender Krimi gelungen, den ich geradezu verschlungen habe. Der beste Roman, den ich von ihr bisher gelesen habe!

Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst

Ich fuehle was was du nicht fuehlst von Amelie Fried

Ich fuehle was was du nicht fuehlst von Amelie Fried

Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst

Heyne Verlag

16,99 €

Paperback, Klappenbroschur

ISBN: 978-3-453-26590-5

Erschienen: 22.08.2016

Als wär es gestern gewesen – oder die Lebenslügen einer Generation!

Worum geht‘s

1975: Die 13-jährige India ist klüger als die meisten Leute in ihrer Umgebung, inklusive ihrer Hippie-Eltern und ihres seltsamen und ebenfalls sehr einsamen Bruders Che. Das macht sie unter Gleichaltrigen zur Außenseiterin, umso dankbarer ist sie deshalb für die Aufmerksamkeit ihres Klavierlehrers. Er fördert ihre außergewöhnliche musikalische Begabung – und er kennt ihr wichtigstes Geheimnis. In einem einzigen Moment zerstört er ihr Vertrauen. Und ahnt nicht, was er damit anrichtet. Als zwei ihrer Mitschülerinnen Anschuldigungen gegen den Lehrer erheben, steht India vor der Wahl, ihr Geheimnis öffentlich zu machen oder für immer zu schweigen.

Back to the seventies!

Ich bin Jahrgang 1962, die Siebziger, waren also meine Jugend. Deshalb war ich gespannt, ob mich das Buch wieder in diese Zeit zurück versetzten würde können und ein paar längst verschollene Erinnerungen bei mir auslöst.

Volltreffer! Amelie Fried gelingt es vortrefflich, dass Lebensgefühl dieser bewegten Zeit zu transportieren und bleibt dabei echt und authentisch. Man hat immer wieder das Gefühl, in der Heldin, India, ist auch ein Stück von der Autorin eingeflossen. Auch ich habe mich hier das eine oder andere Mal wieder erkannt, Bilder meines progressiven und sehr engagierten Klassenlehrers, der Nachbarn meiner Eltern, ihren Freunden aus dem Kegelklub, waren auf einmal wieder so präsent, als wenn es erst gestern gewesen wäre, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Dieser Generation, hat der Krieg und Flucht und Vertreibung, viel seelisches Leid zugefügt, was es aufzuarbeiten galt und es ihnen schwierig gemacht hat, auf ihre Kinder so eingehen zu können, wie diese es gebraucht oder sich gewünscht haben. Diese Kinder haben buchstäblich ihre Eltern nicht immer an ihrer Seite gehabt, weil diese auf völlig unterschiedliche Weise sehr stark mit sich selbst und der eigenen Aufarbeitung beschäftigt waren. Das hat Amelie Fried hier augenzwinkernd und ohne anzuklagen pointiert.

Unterhaltsam und witzig, ohne Klischees zu dreschen!

Die Erzählerin wählt klug die Perspektive der Hauptfigur und beobachtet sehr unterhaltsam und scharfzüngig ihre Hippie-Eltern: Da ist z. B. eine Mutter, die sich sehr emanzipiert gibt, zum Teil auch die Familie allein mit ihren Transzendenz-Seminaren ernährt, aber doch lange Zeit ihrem Mann alles Organisatorische abnimmt, als wäre sie seine Sekretärin. Die Nachbarin, die ihren behinderten Bruder nicht los lassen kann und sich an diesen klammert, als wenn ihr Leben aufhören würde, wenn er in ein betreutes Wohnheim zieht. Gerade das Nebeneinander dieser beider Frauen, mit diesen komplett unterschiedlichen Lebensentwürfen sind wirklich die Siebziger pur gewesen. Witzig, ironisch, klug und nachdenklich immer mit dem Blick für das Wesentliche beobachtet India ihre Umwelt, das ist sehr amüsant und kurzweilig, weil die Personen so lebendig und mit einer kleinen Prise Ironie skizziert werden. India lässt auch hier und da durchblicken, was sie sich selbst wünscht, nämlich Eltern, die nicht nur mit sich selbst beschäftigt sind, aber sicher auch keine Übermutter, wie die Nachbarin Margot, die auf eigene Selbstverwirklichung verzichtet und meint, die Aufgabe einer Mutter ist in erster Linie mit Kochen erledigt. Das ist klug inszeniert und großartige leichte Unterhaltung, ohne hier in Klischees abzudriften. Auch beim Ende der Geschichte bleibt die Autorin diesem Stil treu und bietet eine realistische Entwicklungsperspektive für India und ihren Bruder und gerade so viel Happy-End, dass es niemals kitschig oder vorhersehbar für den Leser wird.

Fazit: Für mich ein großartiges unterhaltsames Buch, mit Witz, Charme und realistischen Protagonisten, die sehr einfühlsam und liebevoll geschildert werden. Das ist große Unterhaltung, denn sowas setzt sehr viel Einfühlungsvermögen und Schreibtalent voraus. Ich habe mich wunderbar unterhalten und mich hier und da selber wiedererkannt. Die leisen und sehr ironischen Töne im Buch sind einfach köstlich! „Ich fühle was, was du nicht fühlst“ ist für mich eines der stärksten Bücher von Amelie Fried, wenn nicht sogar, das einfühlsamste und amüsanteste.